Radio Gaga ist wieder auf Sendung

Wir retten die Welt und den Rock ‚n’Roll -  Schrille Party mit immensem Spaßfaktor

von Jürgen Heimann

„Radio Gaga“ ist wieder „on Air“ und meldet sich mit einer bzw. zwei täglichen Live-Sendungen aus dem Essener Colosseum bei seinen Hörern zurück. Und das noch bis Ende Juni. Dann ist erst mal Schluss mit lustig – leider.  Neun Jahre nach der Deutschland-Premiere  im Kölner Musical-Dome - ist das wirklich schon so lange her? - ist „We will rock you“ damit nach Gastspielen in Stuttgart, Zürich, Basel , Wien und Berlin wieder in NRW angekommen, wo ja alles seinen Anfang nahm.  Pfiffig, rasant, schrill und witzig wie eh und je. Patina hat das Queen-Epos sicht- und hörbar jedenfalls noch nicht angesetzt. Das Publikum tobt und feiert wie am ersten Tag, das 38-köpfige, 11 verschiedenen Nationen entstammende Ensemble platzt vor Spielfreude. Das ist, wie gehabt, eine einzige große, schrille Party mit hohem Spaßfaktor. „ A Kind of Magic“ eben. Die Killer Queen hält Hof und regiert mit eiserner Hand.  Gegen ihren Konzern „Globalsoft“ ist die namensverwandte Klitsche von Bill Gates ein Tante-Emma-Laden. Aber es hat ja immer schon Spielverderber gegeben, die sich dem Konsumterror weltumspannender Multis partout nicht beugen wollen, so wie die „Bohemians“, so eine Art futuristische ATTAC-Guerilla, die nur eins m Kopp haben: den Rock’ n`Roll zu retten…

Die Storyline, mit der sich die Rock-Titanen um Brian May ein Stück weit auch selbst feiern, kann man getrost vernachlässigen. Sie ist sowieso nur Mittel zum Zweck, um an ihr entlang einen Queen-Hit nach dem anderen zu platzieren, 28 in Folge. Aber das Konzept funktioniert, und wie! Seit Jahren. Wo, bitteschön, gibt es sonst noch eine Inszenierung, bei der das Publikum mehr steht als sitzt? Ben Elton hat mit „WWRY“ ein Kabinettstückchen abgeliefert und es nebenbei geschafft, passionierte Musical-Fans und eingefleischte Rock-Puristen zu versöhnen, und das generationsübergreifend. Und BB-Promotion war schließlich gut beraten, noch eine mehrmonatige Zugabe im Ruhrpott zu arrangieren, bevor das Ganze erst mal im Archiv zwischen gelagert wird – bis zum Revival. Und ein solches kommt, das ist mal sicher.

Frischer Wind in der alten Fabrik

In Essen tritt eine stark verjüngte Cast an. Neue Gesichter, neue Talente. Und die bringen frischen Schwung in den Schuppen. Aber: Ohne die „Alten“ geht’s auch nicht. Der Mix macht’s. Einige Protagonisten der ersten Kölner Stunde sind immer noch an Bord – oder wieder. Die bestechende Brigitte Oelke als Killer-Königin, der unnachahmliche Martin Berger als Kommandant Kashoggi, Léon van Leuuwenberg als kauziger Alt-Hippie und Barkeeper BAP und  die kesse vokal- wie spielstarke  (Jessica) Kessler als alternierende aufmüpfig-schlagfertige Punk-Röhre  „Scaramouche“. Da passt alles zusammen, paaren sich Spielwitz mit Erfahrung, sitzt jede Pointe auf dem Punkt.  Apropos:  Ein paar alte sind in dieser gelifteten Fassung weggefallen, ein paar neue hinzu gekommen. Aber Daniel Küblböck geistert immer noch als verzweifelter Gag der Musikgeschichte durchs digitale Globalsoft-Nirvana, obwohl den heuer ja wirklich noch kaum einer kennt – seinen Unfallwitz und ihn selbst.

Wiedersehen mit dem WWRY-Traumpaar

Christopher Brose  gibt auch in Deutschlands schönstem Musicaltheater wieder den Titelhelden, der mit vollem Stimm- und Körpereinsatz den Rock ’n’ Roll und die Welt rettet. Und derjenige, der das auf deutschem Boden zu allererst getan hat, wird auch nicht müde, seinen Teil zu dieser Mission  beizutragen. Alex Melcher, unerreichter  Ur-Galileo, wird an ausgesuchten Terminen Ende April und Mai noch mal in seine Paraderolle schlüpfen, um seiner Widersacherin aus der Globalsoft-Vorstandsetage und den Fans zu zeigen, wo der Hammer hängt.  Und seine Vera (Bolten) bringt er dann gleich mit. Beide sind als WWRY-Traumpaar unvergessen.

Zwischen Facebook, Twitter und Smartphoned

Viel verändert hat sich in Essen gegenüber den Vorgänger-Inszenierungen nicht, sieht man mal vom Bühnenbild und einigen marginalen Dialog-Abwandlungen ab. War ja auch nicht nötig. So wie es läuft, läuft es rund. Tatsächlich handelt es sich hier um die Tourneeversion, was man der Show mitnichten ansieht. Ort der Handlung ist neuerdings der Planet iPad und nicht mehr  der Planet ebay wie bislang. Auch durch Anspielungen auf Facebook, Twitter und Smartphones wird den Medien- und Internettrends der Moderne Rechnung getragen. Der Gedächtnisfelsen von Jürgen Drews auf Mallorca ist dem von Daniela Katzenberger gewichen, bei den Videoprojektionen hat man noch mal einen Gang zugelegt.

Die Band ist bärenstark

Zu den Pfunden, mit denen WWRY wuchern kann, zählt neben den ambitionierten Darstellern nicht zuletzt die neunköpfige, zumeist unsichtbar im Hintergrund agierende Band. Und die ist Weltklasse.  „So gut waren Queen nie“, konstatierte ein Besucher, aber das war wohl doch nicht ganz so ernst gemeint. Fakt aber ist, die Musiker machen einen exzellenten Job und liefern einen brillanten Sound, virtuos, glasklar, mitreißend. Und sie dürfen auch mal nach vorne, zumindest die Gitarreros, und bei „Who wants to live forever“ und der „Bohemien Rhapsody“ ihre Soli vor dem Publikum spielen.

Bei dieser Show ist gute Laune und gute Unterhaltung garantiert. Starke, Songs, starke Darsteller, Gags am laufenden Band, witzige Dialoge, grelle Farben, Tempo – da darf man über der schlichten Plot ruhig mal hinweg sehen.  WWRY macht ganz einfach Spaß!  JÜRGEN HEIMANN

  

 „BAP“ gibt Gas: Ohne Schutzhelm auf der Harley Richtung London.
V.l.: Jeannine Michele Wacker, Christopher Brose und Léon van Leuuwenberg.

 

Regiert Globalsoft mit eisernen Hand, und das von Anfang an: Killer-Queen Brigitte Oelke.

 

Rock im Röckchen: Eric, pardon, Brit der Wikinger (Markus Neugebauer) im Kreise seiner Bohemians.

Kesse Jessie: Jessisca Kessler definiert die Rolle des Punkgirls „Scaramouche“ mit Leidenschaft und Spielwitz.

 

WWRY-Urgestein: „de Maddin“  bringt’s! Martin Berger ist Globalsofts „Stasi-Kommandant“ der ersten Stunde.

 

Hau‘ in die Saiten, Baby! Scaramouche und Galileo Figaro feiern den Sieg des Rock’ n`Roll über die Diktatur.

 

Die Gitarristen der WWRY-Band dürfen auch einmal aus ihrem Versteck auf die Bühne kommen.

Steuert als „Ozzy“ mit „No-one but you“ den bewegendsten Song  des Stücks bei: Die Schwedin Anna Lidman.

 

Einer für alle, alle für einen. Aber nee, das war ja ein ganz anderes Stück…
Scaramouche, Galileo, Brit und Ozzy (Osbourne) formieren sich zum Widerstand

Jessica Kessler rockt Globalsoft. „Gaga“ war gestern. Die Zukunft gehört wieder dem Rock ‘n’Roll.

 

Tobias Bieri ist in Essen der alternierende Galileo. Hier herzt er sein „Baby“, „Saramouche“ Jessica Kessler.

Fotos:  Nilz Böhme/ Thommy Mardo