Die unbekannten Seiten der „Starlighter“ abseits der Alltags-Routine

(Fast) Ohne Rollschuhe geht es auch: Bochumer Ensemble außer Rand und Band

Ja, die Sternenlicht-Express’ler in Bochum haben einen ziemlich langen Atem. Und wie es aussieht, geht ihnen die Puste auch im 24. Jahr ihres Renn-Marathons noch (lange) nicht aus. Abend für Abend verzaubert die exzellente Cast am hiesigen Stadionring mit starken Stimmen, tollem Spiel und rasanten Stunts alt und jung. Wobei die Künstler jenseits des Theaters und außerhalb der eingeschworenen Starlight-Fan-Gemeinde hierzulande aber namentlich kaum bekannt sind. Was einerseits schade ist, andererseits ihrem tatsächlichen Potential nicht gerecht wird. Die Akteure allein auf Rusty, Greaseball, Pearl, Electra und Co. zu reduzieren, greift zu kurz. Da steckt viel mehr dahinter.

Wie breit sie stilistisch tatsächlich aufgestellt sind, durften und konnten die Ensemblemitglieder um Marcel Brauneis, Georgina Hagen und David Moore Ende vergangenen Jahres im Rahmen einer Benezif-Gala demonstrieren, deren Erlös im Rahmen der Red Nose Day-Kampagne von ProSiebenSat1 für das SOS-Kinderdorf Sauerland in Lüdenscheid bestimmt war. Eigentlich schon Grund genug, mal vorbei zu schauen. Das haben hier seit der Premiere am 12. Juni 1988 übrigens schon mehr als 13 Millionen Menschen getan, was der deutschen Produktion auch  einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. Das Haus wurde als erfolgreichstes Musicaltheater der Welt mit der global höchsten Besucherzahl ausgezeichnet. Eine Steilvorlage für die Rechenkünstler, die ausgeknobelt haben, dass statistisch gesehen jeder zweite Bewohner des dicht besiedelten Ruhrgebiets das Stück schon zweieinhalb mal gesehen haben muss.

Die „Geisterband“ wurde sichtbar

Von einer ganz anderen, neuen und außergewöhnlichen Seite zeigten sich die Beteiligten anlässlich der Good-Will-Party im vollbesetzten Starlight-Tempel. Nebenbei bemerkt bekam man bei dieser Gelegenheit auch die brillante, sonst gut versteckte zwölfköpfige „Hauskapelle“ einmal zu Gesicht. Steve White und seine Mannen dürften mitten auf der Bühne Platz nehmen, genossen das sichtlich und revanchierten sich mit gewohnt virtuosem Spiel. Durch das Programm, und es war eines mit vielen Überraschungen, führten Produzent Maik Klokow und die TV-Moderatorin Sonya Kraus, hielten sich aber dezent zurück und überließen das Feld denen, die zu erleben die Besucher im nahezu ausverkauften Saal schließlich gekommen waren.

Prominente Verstärkung

Eingedenk des Wissens um die eigenen Stärken hatten die Gastgeber dennoch nicht darauf verzichten wollen, sich der Unterstützung einiger prominter Kollegen/innen von außerhalb zu versichern, zumal große Namen ja erfahrungsgemäß noch einmal besondere Sogwirkung entfalten. Insofern lagen sie mit Anna Montanaro, Carolin Fortenbacher, Alex Melcher und Vera Bolten auch genau richtig.  Das Motto des Abends lautete „Zeitlos“, genauso wie es die Melodien waren, die in Folge erklingen sollten. Bei der Zusammenstellung der Set-List hatten die Verantwortlichen viel Gespür bewiesen und vor allem bewusst auf Titel verzichtet, die man, vielleicht bis zum Überdruss, bei Veranstaltungen dieser Art regelmäßig um die Ohren geschlagen bekommt, so schön und eingängig sie möglicherweise auch sein mögen. Ausnahmen bestätigten aber auch bei dieser Konzeption die Regel.  Die „Erinnerungen“ aus „Cats“  mit der hervorragend disponierten und als Grizabella kostümierten Anna Montanaro zählten sicherlich zu den Highlights dieses an Höhepunkten nicht gerade armen Abends. Dieses „Memory“ ist auch schon zig-tausendfach angestimmt worden, aber nicht so!

Starlight-Urgestein David Moore war es vorbehalten, den klangvollen Reigen mit „Es soll sein“ aus „Children of Eden“ zu eröffnen. Er tat das auf der Brücke stehend, während das mit Taschenlampen bewaffnete Ensemble über die Rollbahnen in den Saal einzog. Ein eindrucks- und stimmungsvolles Bild. Und gleich danach setzte die Regie mit Alex Melcher ihren ersten Joker. Dass sich der personifizierte Ur-Galileo mit „Innuendo“ den Opener aus „We will rock you“ ausgesucht hatte, konnte man ihm nicht verdenken. Später sollte er, unterstützt von Vera Bolten und dem Ensemble, noch mit „Louder than Words“ aus „Tick, Tick …Boom!“ kräftig punkten.

Songs abseits des Mainstreams

Gypsy“, „Frühlingserwachen“, „Songs for a new World“, „Cabaret“, „The Wild Party“ und der Löwenking waren die Quellen, aus denen die Interpreten im ersten Akt ausgiebig schöpften. Eine willkommene Gelegenheit auch für Carla Pullen, Ed Hall, Abigail Dever, Lauren Meyer, Lucy Maria Gill und die anderen Künstler aus dem STEX-Ensemble, sich von einer ganz anderen Seite zu zeigen. Und sie machen auch ohne Rollschuhe eine blendende Figur. Wenngleich: So ganz ohne ging es doch nicht. Eigens für diese Show hatten Lisa Darnell,  Richard Parry, Georgia Bergerson, Jos Hoetjes, Carolin Schönemann und Adam Sheffield einige besonders ausgefallene Rollschuh-Choreografien einstudiert. So etwas kommt immer an.

Zwischen Bizet, Mozart und dem Frank’n‘Furter

Nach der Halbzeit wurde es dann deutlich rockiger. Da standen Titel aus der „Rocky Horror Show“, „Hair“, „Tommy“, „Sweet Charity“  und „The Wiz“ auf dem klangvollen Menüplan. Wie Ben Draper, Rachel Grundy und ihre Castkollegen „Let the Sunshine in“ interpretierten, war so richtig nach dem Geschmack des Publikums. Und Gareth Brethertons „Sweet Transvsestite“ war auch nicht von schlechten Eltern.  Er war als Frank’n‘Furter für Rob Fowler eingesprungen. Aber das i-Tüpfelchen setzte dann Carolin Fortenbacher mit „Das falsche Jahrhundert“, ein poppiges Medley, in dem diese großartige Sängerin die Habanera aus Bizets Carmen-Oper mit der „Königin der Nacht“ aus Mozarts Zauberflöte mixt. Das Ergebnis ist bestechend und lässt „die“ Fortenbacher die gesamte Bandbreite ihrer vokalen Power ausschöpfen.

Zweieinhalb Stunden lang servierten die Gastgeber beste Unterhaltung auf hohem Niveau, wobei sie natürlich die technischen Möglichkeiten, die ihr Theater bietet, einbezogen und voll ausreizten. Neben tollen Choreografien und fantasievollen Outfits, die rein gar nichts mit der sonst hier gängigen Starlight-Mode gemein hatten, bleibt auch das fantasiereiche Lichtdesign in guter Erinnerung. Man merkte an allen Punkten, mit wie viel Liebe und Herzblut sich die Akteure in die Vorbereitungen geworfen und sich damit in den Dienst der guten Sache gestellt hatten. Dass dies letztlich keine Fehlinvestition werden würde, belegte Gabriele Polle, die Leiterin des SOS-Kinderdorfes Sauerland. Die Lüdenscheiderin nutzte die Gelegenheit, die Arbeit ihrer Einrichtung zu erläutern. Mit den Spendeneinnahmen aus der Gala  soll ein Kinderdorfhaus renoviert  sowie  tiergestützte Pädagogik ermöglicht werden.  JÜRGEN HEIMANN

 

Geballte vokale Frauenpower:  Carolin Fortenbacher (links) wähnte sich nicht im falschen Film,
jedoch im falschen Jahrhundert. Mit diesem Titel glückte ihr ein veritabler Showstopper.
Anna Montanaro (rechts) schwelgte als „Grizabella“ in Erinnerungen. Fotos: Jens Hauer

Auch „Galileo“ Alex Melcher gehörte zu den Gaststars, die sich die Starlighter zur Verstärkung eingeladen hatten.
Mit „Innuendo“ erinnerte er an seine große Zeit bei „We will rock you“, um mit „Louder than words“
aus „Tick, Rick …Boom“ einen weiteren Glanzpunkt zu setzen. Mit Foto: Jens Hauer.

 

Es muss nicht immer nur das Licht am Ende des Tunnels sein:
Mit ideenreichen Choreografien und einer außergewöhnlichen Songauswahl bewiesen die Mitglieder
des Starlight-Express-Ensembles, wie breit sie stilistisch wirklich aufgestellt sind. Foto: Jens Hauer

 

Grande Finale: So turbulent wie in der „normalen“ STEX-Show ging es auch bei der Benefiz-Gala zu.
Jede Szene und jedes Detail verriet, wie viel Engagement und Herzblut die Akteure
in die Vorbereitungen dieser Veranstaltung gesteckt hatten. Foto: Jens Hauer