Anne Welte inszeniert im Nürnberger Land „Sekretärinnen“

Alle einen an der Klatsche: Skurrile „Tipp“-Gemeinschaft zwischen Tastatur-Blues und Sehnsuchts-Tango

 

„Fachkauffrauen für Büromanagement“ würde jetzt doch ein bisschen geschwollen klingen. Aber auf den Begriff „Tippsen“ mögen sich die Office-Ladies in ihrer Stellenbeschreibung auch nicht unbedingt reduzieren lassen. Klingt ähnlich abwertend wie „Saftschubbse“ für Stewardess. Belassen wir es also bei der nach wie vor gebräuchlichsten Berufsbezeichnung: „Sekretärinnen“. Und genau so heißt auch Franz Wittenbrinks launiges „Tippsical“ , das, 1995 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt, landauf, landab auf vielen Theaterspielplänen steht, in großen Häusern wie in den Kleinen. Zu letzteren zählt das Dehnberger Hof Theater, ein ehemaliges Hopfenbauerngehöft bei Lauf im Nürnberger Land. Der Saal bietet gerade mal 200 Besuchern Platz und besticht durch ein intimes, kuscheliges Ambiente mit viel, viel Atmosphäre. Und hier klappern seit Anfang Februar die Schreibmaschinen, was im Zeitalter von PC, Laptop und iPad eigentlich ein Anachronismus ist. Aber in diesem „Großraumbüro“ ist die Zeit halt stehen geblieben, während der alltägliche Wahnsinn, der sich hier entfaltet, andererseits aber auch wieder zeitlos ist.

 

 „Sekretärinnen“ ist kein Musical im klassischen, üblichen Sinne, eher ein Liederabend, oder halt auch eine Schlagerrevue mit Evergreens des 20. Jahrhunderts , von „Mr. Zellophan“ bis „Que sera, sera“, von „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ bis „Ich bin ein Mädchen von Piräus“. Da begegnen wir Aretha Franklin ebenso wie Dr. Michael Kunze, Otis Redding, Gershwin, Milva oder Gitte. Die Titel reflektieren die verborgenen Sehnsüchte und geheimen Laster. Wünsche Träume, Macken und Probleme der Vorzimmer-Heldinnen und machen Dialoge somit weitgehend verzichtbar. Selbige beschränken sich auf ein „Guten Morgen“ oder „Mahlzeit“.

 

Großes Echo: Alle Shows ausverkauft

 

Die Kolleginnen hätten alle irgendwie einen an der Klatsche. Tiger-Lily muss es wissen. Sie ist eine von ihnen und nimmt sich von dieser Feststellung selbst ausdrücklich nicht aus. Das schrille Outfit der Scheidungsfrustrierten ist dafür Beweis genug. Aber innerhalb dieser schräg-skurrilen Tippgemeinschaft, die alle gängigen Büroklatsch-Klischees bedient und persifliert, fällt ihr durchgängiges, gelb-weiß-gestreiftes Lion-Design weiter auch gar nicht so auf. Lily ist die Frau, die die Fäden zieht, nicht so sehr auf der Bühne, sondern mehr noch davor. So eine Art doppeltes Lottchen. Denn: Für Anne Welte war das so etwas wie eine Feuertaufe. Mit dieser Inszenierung liefert die Saarländer Musicalkünstlerin ihre erste Regiearbeit ab. Und scheint dabei genau auf dem Punkt zu liegen. Denn: Das Publikum reagiert begeistert, enthusiastisch.

Bislang waren alle Vorstellungen, Zusatzshows inklusive, restlos ausverkauft. Und im Herbst geht es bis weit ins Jahr 2012 hinein in die Verlängerung. Das ist schon mal abgemacht. „Bei diesem Stück kann man als Regisseur oder Regisseurin eigentlich nichts verkehrt machen“, sagt Welte über ihren neuen Job. Vielleicht ist das aber doch ein bisschen zu bescheiden. Einschlägige Erfahrungen als Sekretärin hat sie jedenfalls, seit sie im Staatstheater Saarbrücken. 2003/2004  als solche auf der Bühne stand  in Folge auch eine Tournee mit diesem schwungvollen Stück bestritt.

 

Vier „Tippsen“ wegrationalisiert

 

Trotz diverser räumlich und finanziell bedingter Zwänge zur Reduktion läuft die mit Nostalgie, Sex-Appeal und Augenzwinkern garnierte Inszenierung richtig rund, ist konzeptionell und inszenatorisch stimmig und in ihrem Ablauf mitreißend. Anne Welte hat die aus ursprünglich neun Sekretärinnen bestehende Büro-Belegschaft auf fünf zusammen gedampft. Dadurch frei gewordene Charaktere, Wesenszüge und Songs wurden kurzerhand auf die mehr oder weniger schmalen Schultern der Verbliebenen verteilt, ihre eigenen sowie die von Annette Kuhn, Cordula Wirkner, Hannelore Schoenfeld und Victoria Fleer. Oliver Polenz komplettiert die Runde und ist als Bürobote Hahn im Korb, oder glaubt zumindest es zu sein: „It’s a man’s world“.

Ein großer Bahnhofschronometer signalisiert, was die Stunde geschlagen hat, wann es Zeit wird für eine Tasse Kaffee oder den Feierabend. Und die glorreichen Fünf tippen, telefonieren, phantasieren und philosophieren, was das Zeug hält. Weil: Sie sind ja mit den Aufträgen des unsichtbaren Chefs nicht ausgelastet. Da bleibt viel Raum für anderes, auch für Intrigen und Eifersüchteleien, aber auch für Solidarität und Mitgefühl.

Den Kampf gegen ihren desillusionierenden, aber eigentlich doch gar nicht mal so grauen(Büro-) Alltag haben diese alles andere als grauen Büromäuse noch nicht verloren- und aufgegeben. Da gibt es den Vamp, und das schüchterne Hausmütterchen, die gestrenge und spröde Vorsteherin, die Sexbombe, die Schwangere und die Verträumte. Ein Mikrokosmos, ein Tollhaus  weiblicher Eitelkeiten, Stärken und Macken. Zwischen Büroroutine und Träumen vom Märchenprinzen entwickelt sich ein Feuerwerk an Situationskomik.

Fünf starke Frauen hämmern rhythmisch auf die Tastaturen ihrer antiquierten Schreibapparate, während die Sechste im Bunde virtuos die Klaviatur ihres Flügels bedient. Das ist die „Wilde Hilde“ (Pohl). Und mit der Nürnberger Konzertpianistin ist das Orchester auch schon komplett. Mehr bedarf es nicht, um den zwischen Schlager, Pop, Volkslied und Arie angesiedelten Melodiereigen packend und treibend rüberzubringen. „Sie ist ein Geschenk“, sagt die Regisseurin über ihre „Kapellmeisterin“. Der Respekt beruht auf Gegenseitigkeit.

Die erste Schicht der stimmstarken Kontor-Assistentinnen endet am 3. April. Im Oktober nehmen die „Sekretärinnen“ dann an gleicher Stelle wieder ihren Dienst auf. Und an eine darüber hinaus gehende Zusammenarbeit zwischen dem kleinen Theater und Anne Welte wird derzeit auch schon konkret nachgedacht. Aber in der kommenden Freilicht-Saison ist die vielseitige Actrice erst einmal wieder in Tecklenburg engagiert, wo sie vom 25. Juni bis 25. August in der im Wilden Westen angesiedelten Musical-Step-Revue „Crazy for you“ als Patricia Fodor auf der dortigen Riesenbühne steht. Am 20. Oktober folgt dann im saarländischen Neunkirchen die 12. Auflage ihrer beliebten Galareihe „Anne Welte & Friends“.  JÜRGEN HEIMANN

 

Ihr Büroalltag ist alles andere als grau: V.l. Cordula Wirkner, Annette Kuhn, Victoria Fleer, Hilde Pohl,
Oliver Polenz, Anne Welte und Hannelore Schoenfeld. Foto: Dehnberger Hof Theater

 

 

Tippen, telefonieren, phantasieren und philosophieren, was das Zeug hält.
Die Sekretärinnen (v.l.n.r.) Annette Kuhn, Cordula Wirkner, Victoria Fleer und Anne Welte.  Foto: Dehnberger Hof Theater

 

 

Neuer Job für Anne Welte: Auf der Bühne seit vielen Jahren eine echte Größe,
ist die Saarländerin jetzt auch ins Regiefach gewechselt. Foto: privat