81 weitere Sprechstunden im Schlosstheater-Klinikum

Anschlussheilbehandlung: Der Medicus praktiziert und operiert wieder in Fulda


Dass der "Medicus" auch 2017 in Fulda praktizieren würde, galt schon relativ früh als abgemacht. Immerhin hatte der Arzt im letztjährigen Musicalsommer einen hundertprozentigen Behandlungserfolg vorzuweisen. Alle 70.000 Patienten konnten als geheilt entlassen werden, viele davon werden aber zwecks einer Anschluss-Therapie erneut in seiner Sprechstunde im hiesigen Schlosstheater vorstellig werden. Die auf dem gleichnamigen Weltbestseller von Noah Gordon basierende Inszenierung schaffte, wovon die Produzenten anderer, mit wesentlich mehr Finanzpower ausgestatteter Stücke allenfalls zu träumen wagen: eine hundertprozentige Auslastung. Was beweist, dass nicht alleine der Etat oder eine hochtourige, superlativische PR- und Propagandamaschinerie für Erfolg oder Misserfolg ausschlaggebend sind.
Mit der Spotlight Musical GmbH hat sich in der osthessischen Barock- und Bischofsstadt ein kleiner, aber feiner regionaler Anbieter etabliert, der die Stadt binnen weniger Jahre zu einer festen Größe auf der deutschen Musicallandkarte gemacht hat. Wobei die Köpfe, die dahinter stecken, auf den Schultern von "Selfmademen" sitzen. Statt sich mit Stoffen aus dem internationalen Pool zu bedienen, für deren Rechte ja Unsummen hingeblättert werden müssen, setzen sie auf authentische Eigenständigkeit, auf Hausgemachtes, aber nicht Hausbackenes. Und das darf durchaus auch mal regionale oder lokale Bezüge beinhalten. Und hier liegt eine große Chance, wie die bisherige Erfolgsgeschichte des Hauses eindrucksvoll beweist.

Mit einem Axt schwingenden Missionar fing alles an

Da haben sich zwei gesucht und gefunden: Komponist und Textautor Dennis Martin und Produzent Peter Scholz repräsentieren ein kongeniales Team. Anfänglich vielleicht sogar von in den Musical-Metropolen röhrenden Platzhirschen hochnäsig belächelt, haben die beiden der übermächtigen Konkurrenz, die sie aber nie als solche wahrnahmen, gezeigt, wo der klangvolle Hammer hängt. Das fing 2004 mit "Bonifatius", dem Axt schwingenden Missionar, an, führte 2007 zu "Elisabeth, die Legende einer Heiligen" und sollte beim Heiligen Vater, der ein Mädel war, noch lange nicht enden: der "Päpstin". Die soll übrigens 2018 ihr drittes Pontifikat antreten. In Folge durfte sich Friedrich, der große Preußenkönig, im Scheinwerferlicht sonnen und Kolping etwas träumen. Spannende Geschichten mit historischen Bezügen. Die meisten dieser Stücke wurden auch als Gastproduktionen in anderen Städten aufgeführt. Und dann kam Rob Cole und polierte 2016 erstmals sein OP-Besteck. Gegen ihn sind Dr. Stefan Frank und der Bergdoktor müde Kurpfuscher

Proppenvolles Wartezimmer beim Sauerbruch des 11. Jahrhunderts

Sein Wartezimmer war stets proppenvoll. 100 Shows, drei Previews, und kein einziger Platz im wunderschönen Schlosstheater blieb unbesetzt. Die Vorstellungen waren lange im voraus ausverkauft. Viele hatten das Nachsehen. Deshalb gibt es in diesem natürlich noch eine längere Anschlussheilbehandlung. Am 14. Juni nimmt der Medicus seinen ersten Eingriff der Saison vor. Bis einschließlich 27. August soll es dann 81 weitere ambulante OP's in seiner Praxis in der hiesigen Schlossstraße geben. Wer dem vom schlichten Baderlehrling zum Ferdinand Sauerbruch des 11. Jahrhunderts mutierten Top-Chirurgen dabei über die Schulter blicken möchte: Tickets gibt es unter der Hot-Line 0661/25008090 oder unter http://spotlight-musicals.de/

Spannend, emotional, witzig, wundervoll

Das Medienecho nach der Premiere der ersten Spielzeit war euphorisch. Die Rezensenten überschlugen sich – nicht ganz zu Unrecht. Die Pressestimmen bewegten sich irgendwo und irgendwie zwischen "grandioser Umsetzung eines grandiosen Stoffes", einem "einzigen Rausch zwischen Musik und Farben" , "spannend , emotionell mit Witz und wunderbaren Songs" und "weit übertroffenen Vorschusslorbeeren". Auf denen sich die Verantwortlichen aber nicht ausruhen möchten. Sie basteln am "Medicus 2.0".

Update: Programmieren am „Medicus 2.0“

Zielvorgabe: Das emotional und atmosphärisch dichte Stück, das nicht nur viel Gefühl transportiert, sondern auch als rasant ablaufende Song-and-Dance-Show daherkommt und einen ganzen Sack packender Melodien über das Publikum ausschüttet, durch Veränderungen en détail und en gros noch besser und fesselnder zu gestalten. Das gilt sowohl für die Ausstattung, die Choreografie und das Lichtdesign, als auch vor allem für die Inhalte. So soll es beispielsweise zwei komplett neue Szenen im zweiten Akt geben, andere werden modifiziert. Und Dennis Martin spendiert dem Ganzen auch noch zwei neue Songs. Man habe das gesamte Stück dramaturgisch überarbeitet. Dadurch werde sich das Erzähltempo nochmals erhöhen, was für die Adaption eines solch umfangreichen Romans enorm wichtig wäre.

Über Personalien mag man immer noch nicht reden. Vielleicht auch deshalb, weil noch nicht alle Verträge mit den Künstlern unter Dach und Fach sind. Aber man darf davon ausgehen, dass niemandem daran gelegen ist, während eines erfolgreichen Rennens die Pferde zu wechseln. Insofern dürfte sich zumindest an den wesentlichsten Positionen gegenüber dem Vorjahr kaum etwas ändern. Das Ensemble hatte während des ersten Durchlaufs keine Wünsche offen gelassen und sich als spielfreudiges, homogenes, hochmotiviertes geschlossenes Ganzes präsentiert.
Die Schlüssel-Jobs waren hochkarätig, mit Bedacht und Gespür besetzt worden.
Das gilt vor allem für den unvergleichlichen „Ex-Boni“ Reinhard Brussmann, der seit "Bonifatius" nicht nur bei den Fuldaern einen dicken Stein im Brett hat und der dem aufstrebenden Medicus als weiser Ausbilder, Lehrer und Heiler Ibn Sina das kleine Einmaleins der ärztlichen Kunst und Ethik beibringt. Und das gilt für die brillante Sabrina Weckerlin, die zu den besten Aktricen auf deutschen Musicalbühnen gehört (wenn sie nicht vielleicht sogar die beste ist), als Mary Cullen, des aufstrebenden Dottores späteres Weib. Und natürlich für Friedrich Rau als mitreißenden Titelheld. Auch er ohne Fehl und Tadel. Wenn mein Hausarzt so singen könnte, ich würde ihn öfter konsultieren. Zu den schönsten und emotionalsten Songs der Inszenierung gehört „Wenn die Sterne mit uns sind“, ein Duett zwischen Sabrina Weckerlin und Friedrich Rau: YouTube

Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis

Der Erfolg der Fuldaer Musicalmacher hat, von den beiden treibenden Kräften Martin und Scholz mal abgesehen, viele Ursachen, Gründe und Väter. Es sind nicht allein die Qualität, die dramaturgische und kompositorische Brillanz sowie die kreative, temporeiche Choreografie, die die mit viel Herzblut getränkten Produktionen auszeichnen. Sicher, das ist erst mal das A&O. Aber hinzukommen noch weitere Faktoren. Ein Rezensent hat es am Beispiel des „Medicus“ so formuliert und auf den Punkt gebracht: „Qualitativ bietet das Stück beste Unterhaltung und kann in allen Bereichen überzeugen – und zwar zu einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis“. Und das gilt nicht nur für die aktuelle Produktion.
Was die Tarifgestaltung anbelangt, ist man in Fulda nämlich auf dem Teppich geblieben. Für einen Termin beim Doktor muss man hier selbst für die besten Plätze und an den üblicherweise hochpreisigeren Wochenend-Spielabenden nie mehr als 62 Euro auf den Tisch blättern. Für dieses Eintrittsgeld bekommt der Besucher andernorts in den großen Tempeln der überwiegend leichteren Muse noch nicht mal einen Platz am Katzentisch. Und das Publikum merkt sehr schnell, dass es nicht abgezockt werden soll, sondern ehrlich und gut bedient wird. Dass die Musik hier nicht von einem Live-Orchester präsentiert wird, sondern vom Band kommt, stört in keiner Weise. Man vermisst nichts. Auch dadurch wird eine derart knappe Preiskalkulation erst machbar. Das ist aber auch das einzige Zugeständnis an den Buchhalter. Gespart wird sonst an nichts. Die osthessischen Inszenierungen können locker mit denen der großen Freudenhäuser in den Zentren mithalten. Sie übertreffen sie mitunter sogar.

Die Musicalwelt bereichert und beflügelt

Spotlight hat die deutsche Musicalwelt sicherlich bereichert und beflügelt. Und das gilt auch für den Standort Fulda selbst. Für die Domstadt ist das Musical inzwischen zu einem bedeutenden touristischen Faktor geworden. Was sich auch an den immens gestiegenen Übernachtungszahlen und den Buchungen paralleler Begleitangebote ablesen lässt. Der "Musicalsommer Fulda", der von den Anbietern und der Stadt gemeinsam getragen wird, hat sich inzwischen als Marke fest etabliert. Der Erfolg ist mess- und nachweisbar. Während der Spielmonate steigen die Übernachtungszahlen um mehr als 20 Prozent, die der Stadtführungen um 50 Prozent. Fast alle großen Reiseveranstalter Deutschlands haben dieses Ziel inzwischen im Programm. Um diesen Planungssicherheit zu geben, werden die Spielpläne zeitig veröffentlicht. Auch für 2018 ist das Paket bereits geschnürt. Dann wird sich Frau Pontifex nach drei Jahren mit Pallium und Fischerring zurück melden, und auch der "Doc" muss wieder ran und zwecks Studiums bei Professor Dr. Avicenna ins entfernte Isfahan reisen. Als drittes Stück steht dann "Die Schatzinsel" auf dem Programm. JÜRGEN HEIMANN

Emergency Room: Not-OP in Istafan: Ibn Sina (Reinhard Brussmann) weiht seine
Studenten in die Geheimnisse der operativen Medizin ein. Foto: spotlight



Song & Dance und viel Gefühl. Packende, treibende Ensemble-Szenen wechseln
sich mit eingängigen, hochemotionalen Balladen ab. Foto: spotlight



Stimmgewaltiges Traumpaar: Sabrina Weckerlin als Mary Cullen und Friedrich Rau als Titelheld. Foto: spotlight

 

Der Waise Rob Cole schließt sich einem fahrenden Bader als Azubi an.
Dessen Tinkturen und Mittelchen helfen den Kranken nicht wirklich. Deshalb entschließt sich der junge Mann,
den wahren medizinischen Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Foto: spotlight




Der Medicus praktiziert wieder und hält im Sommer dieses Jahres
im Fuldaer Schlosstheater 81 mal Sprechstunde ab. Grafik: spotlight