Marc Clear legte in Tecklenburg  eine packende Inszenierung hin

Kerkerhaft statt Marterpfahl: Der Monte-Christo-Graf durchlebte am Sommerbroadway die Hölle auf Erden

Die Teckelnburger Freilichtspiele, Deutschlands größte Open-Air-Bühne für Musical-Insenierungen, haben auch die Saison 2013 erfolgreich hinter sich gebracht.  Die Verantwortlichen bescherten ihrem Publikum auch diesmal wieder viele magische, faszinierende Momente. Mit  dem „Graf von Monte Christo“ hatten sie sich an ein bislang selten aufgeführtes Stück gewagt.

Da hat, derb formuliert, die arme Sau  als Opfer einer Intrige 13 Jahre unschuldig im Knast geschmort.  Dass der Mann deshalb etwas angesäuert ist, insbesondere jenen gegenüber, denen er dieses Ungemach verdankt, ist nachvollziehbar. Da wären dann noch einige Hühnchen zu rupfen. Das sind die dramaturgischen Eckpunkte eines der ganz großen Romane der Weltliteratur: „Der  Graf von Monte Christo“ aus der Feder von Alexandre Dumas. Unzählige Male verfilmt und in einer unüberschaubaren Menge literarischer Adaptionen verwurstelt, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der Stoff  auch für’s Musical-Genre entdeckt werden würde. Das war 2009 der Fall, 165 Jahre nachdem Edmond Dantés erstmals als Held eines Fortsetzungsreihe durch die Seiten des „Le Journal des débats“ geisterte. Nachdem er bereits ein Jahr zuvor als Headbanger einer Rockoper (ChristO) in München reüssiert hatte,  gab der Rache-Graf im März 2009 im Schweizer St. Gallen sein musiktheatralisches Debüt.

Die Partitur dafür zu schreiben dürfte für Musicalpapst Frank Wildhorn (Jekyll & Hyde, Scarlett Pimpernel, Dracula) ein innerliches Missionsfest gewesen sein. Vier Jahre später landete das opulente Werk am Deutschen Sommerbroadway. Mit dieser Inszenierung von Marc Clear setzten die Freilichtspiele Tecklenburg einen wohltuenden „Counterpoint“ zu den als Hauptstück deklarierten ausgelatschten Tretern von Apachen-Vorstand Abahachi. Mit diesem seichten, aber irrwitzigen Indio-Kalauer „Der Schuh des Manitu“ hatten die Verantwortlichen freilich aucheine ganz andere Zielgruppe im Visier. Hat jedenfalls funktioniert.

Aber dieser Seemann Edmond Dantés, dem man so übel mitgespielt hat und der die besten Jahre seines Lebens in einem Zellenloch von Château d’If verbringen muss, ist schon aus einem ganz anderen Holzgeschnitzt als all die durchgeknallten Winnetouchs von Michael Bully Herbig. Das Stück hat Tiefgang,  beinhaltet viel Dramatik, ist actionreich und gibt einem ganzen Panoptikum unterschiedlichster Charaktere Raum  zur Entfaltung. Im Gegensatz zur Romanvorlage sind viele Handlungsstränge und Nebenkriegsschauplätze, die für das Verständnis der Kernstory weniger von Bedeutung sind, ausgeblendet worden. Die komplexe, vielschichtige Erzählung wäre sonst gar nicht aufführbar gewesen.  Schade war nur, dass man die vielen ebenso raffinierten wie diffizilen Intrigen, die Monte Christo gegen seine Feinde spinnt, aus zeitlichen Gründen nicht aufbereitet, sondern nur in einem einzigen Ansatz beschrieben hatte.

Marc Clear, das wird von Jahr zu Jahr offensichtlicher, ist für die Münsterländer Bühne ein Joker. Seit 2008 gehört er hier quasi zur Stammbesetzung und gab hier 2010 bei und mit den „3 Musketieren“ seinen Einstand als Regisseur. Eine Aufgabe, die ihm offensichtlich liegt, wie der in Deutschland geborene Brite hier in den Folgejahren mit „Jesus Christ Superstar“ und „Marie-Antoinette“ bewies. Und jetzt also „Der Graf von Monte Christo“, bei dem Clear nicht nur das Zepter führte, sondern die Titelrolle gleich mitstemmte. Das tat er mit wuchtigem, authentischen und einfühlsamen-überzeugenden Spiel. Stimmlich ist der Künstler ja sowieso über jeden Zweifel erhaben, was sich nicht nur bei dem Gassenfeger „Hölle auf Erden“ zeigte.

Reinhard Brussmann, der „heimliche“ Star

Seine Inszenierung war  packend, solide und stimmig und mit einigen sehr schönen Einfällen garniert.  Das gilt samt und sonders auch für seine Personenregie. Apropos: Besetzungstechnisch waren die Tecklenburger auch in diesem Jahr bestens aufgestellt und durften sich mit Anna Thorén (Mercédès), erstmals (parallel auch als szenischer Supervisor agierend)  Carsten Lepper (Mondego), Frank Winkels (Danglars, Spekulant), Femke Soetenga (Piratenbraut), Thomas Hohler (Albert Mondega) und Reinhard Brussmann in der Doppelrolle als Oberstaatsanwalt und Edmond Dantés Zellengenosse Abbé Faria auf ein gestandenes Team erfahrener Top-Darsteller verlassen. Vor allem Reinhard Brussmann ist ein Gewinn für Deutschlands größtes Freilicht-Musiktheater, wobei man sich schon fragt, warum die Verantwortlichen diesen herausragenden Akteur nicht schon viel früher „entdeckt“ haben. 2011 hatten sie den Österreichischen Ur-Valjean und späteren Bonifatius in „Crazy For You“ mit einer kleinen Sprechrolle bedacht, aber selbst in der aktuellen Inszenierung bleibt dem Mann über das reine, aber bravouröse  Spiel hinaus kaum Raum, seine großartige Stimme auszureizen. Einzig beim kurzen Knast-Duett mit Clear blitze auf, was tatsächlich in ihm steckt. Reinhard Brussmann, der als „Santa Maria“ auch bei Manitus Schuhen mitmischte, hier einmal in einer größeren Gesangsrolle erleben zu dürfen, das wär’s!

Überzeugend agierte vor allem auch Anna Thorén als emotional mit Edmond verwachsene Mercédes. Sie faszinierte stimmlich wie schauspielerisch. Und Thomas Hohler gelang es perfekt, den jungen, ungestümen Albert zu verkörpern, den am Ende des Stückes noch eine überraschende Erkenntnis erwartete.

Furiose Fechtszenen

Herausragend geraten sind die Kampf- und Fechtszenen. Dabei dürften vor allem Marc Clear und die glänzend disponierte Fehmke Soetenga als Piratenanführerin Luisa Vampa von ihrem Training aus seligen Musketier-Tagen gezehrt haben. Das Klingenkreuzen hätte jedem Actionfilm zur Ehre gereicht. Die zwischen 1814 und 1838 in der Zeit nach der Französischen Revolution angelegte Storyline, die zwischen gnadenloser Rache sowie Fragen von Loyalität, Recht und Gerechtigkeit an den Grenzen zur Selbstjustiz angesiedelt ist, ist ja hinlänglich bekannt, weshalb sich eine inhaltliche Zusammenfassung auch erübrigen dürfte. Auch in Kenntnis des Stoffs und des absehbaren Ausgangs – zwischen der  Originalvorlage von Dumas und dem Skript von Jack Murphy gibt es allerdings schon wesentliche Unterschiede in Ablauf und Handlung – baut sich ein kontinuierlicher Spannungsbogen auf. Den schleppenden Einstieg mit einer etwas zu lang geratenen (Vor-Hochzeits-)Feier des jungen und danach jäh getrennten Paares vergessen wir einmal. Aber dann!

Zwischen Ohrwürmern und verschlungenen Melodiepfaden

Die mitunter komplexe Partitur Frank Wildhorns  - Orchestrierung und Arrangements stammen von Kim Scharnberg und Koen Schoots - war bei Tjaard Kirsch und seinem großen Orchester gut aufgehoben. Temperamentvoll wie einfühlsam scheuchte der Mann mit dem kleinen Stöckchen seine Musiker durch die Klangwelt des vollbärtigen Amerikaners, der auch hier wieder einige Ohrwürmer zu bieten hat. Neben besagtem „Hölle auf Erden“ wären da „Niemals allein“ und „Ein Leben lang“ als unbedingte Anspieltipps anzuführen. Andererseits erschließt sich einem die Musik des 53-jährigen nicht immer gleich beim ersten und vor allem bloßen Hören, sondern funktioniert vielfach erst im Verbund mit dem visuellen Erleben, dann aber richtig! Das war ja beispielsweise bei „Jekyll & Hyde“ auch so.

In diesem wunderschönen Burgtheater bedarf es eigentlich keiner großen Kulissenschiebereien. Die vorhandenen Standartelemente, leicht variiert, reichen völlig aus. Wenige Handgriffe, ein auf der Empore platziertes Steuerrad sowie ein paar weiße Tücher genügen beispielsweise, um die Illusion eines Piratenschiffs entstehen zu lasen. Und die kleine runde Seitenbühne hat ihre multifunktionelle Verwendbarkeit schon bei vielen vorangegangenen Produktionen bewiesen. Susanna Buller zeichnete für das schlichte, aber funktionelle Bühnenbild verantwortlich. Opulent und prächtig ist in „Teck“ hingegen stets die Kostümvielfalt, für die seit Jahr und Tag Karin Alberti gerade steht. Und in der Maske waren diesmal mit Elke Qirmbach und Stefan Becks zwei ausgewiesene Profis am Werk.

Insgesamt 18 Mal rächte sich Edmond Dantés bitter an seinen Feinden. Es hätten ruhig auch ein paar mehr Vorstellungen sein können. Denn:  Die Inszenierung hatte, was man bei vielen anderen manchmal vermisst: Das gewisse Etwas! Natürlich darf man jetzt gespannt darauf sein, wie die Gretchenfrage beantwortet werden wird: Was kommt als Nächstes? Monte-Christo ist  bzw. war ja nicht der einzige Graf, dem Intendant Radulf Beuleke nachjagt….

Verlorene Unschuld

Die Tecklenburger Freilichtspiele haben im vergangenen Jahrzehnt einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht und sind zur Nummer 1. der deutschen Musical-Freilichtbühnen aufgestiegen. Der Preis auch für die gewachsene Professionalität ist der Verlust der frühen „Unschuld“. Das Laissez-faire und Zwanglose, das Lockere und heitere Unkonventionelle ist etwas auf der Strecke geblieben. Vielleicht muss das ja bei einem Spielbetrieb dieser Größenordnung so sein. In früheren Jahren beispielsweise warteten die Fans zum Teil Stunden lang an der Pforte zum Apfelgärtchen, um vielleicht ein paar Worte mit den Künstlern wechseln zu können oder ein Autogramm zu erhaschen, was die Akteure auch sichtlich genossen.  Das ist heuer gar nicht mehr möglich. Das „gemeine Volk“ wird bereits frühzeitig ausgebremst und durch eine Barriere gestoppt. Nicht immer scheint das „Wachpersonal“,  das erklären muss, warum es ab hier nicht mehr weiter geht, zumindest rudimentär so geschult,  diesen Job zu erledigen, ohne den Leuten dabei verbal weh zu tun. Gilt übrigens auch für einige offenbar klassisch fehlbesetzte „Ordner“ im Inneren des Theaterbereichs, die bei jeder Wahl zum „Mr. Wichtig“ auf dem Siegertreppchen landen würden. Die Raucher (und Dampfer) hat man ja längst auf die schräge Wiese im hinteren Bereich verbannt, aber offensichtlich ist die Lobby der Picknickmacher etwas stärker. Die dürfen nach wie vor ungestört auf den Bänken früh- bzw.- spätstücken. Guten Appetit! JÜRGEN HEIMANN

 

Top-Intriganten: Diese beiden Herren, Carsten Lepper (links)und Reinhard Brussmann, führen nicht Gutes im Schilde.  Foto:  Heiner Schäffer

Kurzes Glück: Die gemeinsame Zeit, die Mercédès (Anna Thorén) und Edmond Dantés (Marc Clear) vergönnt war, fiel ziemlich knapp aus.  Foto:  Heiner Schäffer

 

Zu früh gefeiert: Die Freude über die anstehende Vermählung von  Mercédès und Edmond währte nur kurz. Zum Ja-Wort kam es nicht mehr,
weil der Bräutigam als Opfer einer Intrige in den Kerker wanderte.  Für die opulenten Kostüme der Inszenierung zeichnete wieder Karin Alberti verantwortlich.
Foto:  Heiner Schäffer

 

Autsch! Die Kerkerschergen gehen nicht gerade zimperlich mit Edmond (Marc Clear) um.   Foto:  Heiner Schäffer

 

Falscher Fuffziger: Mondego (Carsten Lepper) mimte den mitfühlenden Freund, war aber nur scharf auf Mercédès (Anna Thorén).  Foto:  Heiner Schäffer

 

Knastbrüder: In Abbé Faria (Reinhard Brussmann) findet der verzweifelte Häftling einen väterlichen Freund. .  Foto:  Heiner Schäffer

 

Anglerglück: Einen seltsamen Fang haben die Piraten da aus dem Meer gefischt. .  Foto:  Heiner Schäffer

 

Fluch der Karibik: Weibliches Femke Soetenga war eine Art weibliches Pendant zu
Captain Jack Sparrow und lieferte als Piratenanführerin einen tollen Job ab.  Foto:  Heiner Schäffer

 

Von der Klinge gesprungen: Edmond hat Jacopo (Hakan T.Aslan) im Messerzweikampf besiegt,
schenkt ihm aber das Leben. Der geht fortan für den „Grafen“ durchs Feuer.  Foto:  Heiner Schäffer

 

Der (Ober-)Staatsanwalt hat das Wort: Villefort (Reinhard Brussmann) ist die Jacke näher als die Hose.
Er weiß, dass der Delinquent unschuldig ist, schickt ihn aber, um die eigene Haut zu retten, in den Bau.  Foto:  Heiner Schäffer

 

Doppel-Job für Marc Clear: Der in Deutschland geborene Brite führte nicht nur Regie,
sondern stemmte beim „Graf von Monte Christo“ auch gleich die Titelrolle.   Foto:  Heiner Schäffer