Cyrano de Bergerac“ war nicht der erhoffte Besuchermagnet: 8000 Tickets weniger verkauft

Die Clingenburg-Festspiele verlieren ihren Schneid: 2010 gibt es kein Musical

 

Nein, diesmal lief es auf der schönen Clingenburg nicht ganz so gut. Mangels personeller und inhaltlicher Zugkraft und (teilweise) bedingt durch schlechtes Wetter müssen die Festspiel-Verantwortlichen die Saison 2009 als in den Sand gesetzt abhaken. 8.000 Besucher weniger als im Jahr zuvor machen sich in der Kasse schon recht krass bemerkbar. Sechs Regenausfalltage sowie diverse Krankheitsfälle unter den Künstlern kamen erschwerend hinzu. Und dann noch (arbeitsrechtlicher) Zank hinter den Kulissen um und mit dem im vergangenen Jahr geschassten Intendanten. Da geht es auch um (viel) Geld. Und weil das knapp wird, backen die Theatermacher im zwischen Miltenberg und Aschaffenburg gelegenen Rotweinstädtchen (vorerst) kleine Brötchen.

Die Sorgen um die Zukunft haben ihnen etwas den Schneid abgekauft. Und weil das so ist, wird es in der Spielzeit 2010 auch keine Musicalproduktion in der malerischen, hoch über dem Main gelegenen Burgruine mehr geben. Man begnügt sich bei einem drastisch gekürzten Budget mit einem Schauspielstück und hofft darauf, wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen. Die Freunde des Musiktheaters, die man zumindest in den vergangenen zwei Spielzeiten wieder für sich entdeckt hatte, bleiben erst mal in der Warteschleife.

 

Nach dem Webber-Klassiker „Evita“ in der Saison 2008 hatten die Franken in diesem Jahr den langnasigen Haudegen „Cyrano de Bergerac“ in der Version von Wolfgang Adenberg und Marc Schubring in den Kampf geschickt. Hatte ihnen Evchen Péron im Jahr zuvor noch eine 100-prozentige Auslastung beschert, blieben diesmal immer wieder Besucherplätze leer. Das mag zum Teil an dem nicht sonderlich ausgeprägten Bekanntheitsgrad des Stücks gelegen haben. Auf der anderen Seite fehlten in der Cast aber auch die bekannten Namen, die Sogwirkung hätten entfalten können. Und so dümpelte alles etwas vor sich hin, ohne dass die Menschen jenseits der Region viel Notiz davon genommen hätten.

 

Es fehlten die bekannten Namen

Schon ein einziger populärer Protagonist kann da einen Schub auslösen, wie die Beispiele andere Freilichtbühnen zeigen. Aber so… Womit nicht gesagt sein soll, dass die beteiligten Künstler ihr Handwerk etwa nicht beherrscht hätten. Im Gegenteil. Das (in Musical-Kreisen eher unbekannte) Ensemble erwies sich als sehr spielfreudig, temperamentvoll und versiert. Für dramaturgische Schwächen und den ein oder anderen Inszenierungsfehler konnte es ja nichts. Dieser und jener Szene merkte man schon an, dass sie mit heißer Nadel gestrickt war und hier eher Zeitdruck, denn Ideenreichtum die Feder geführt hatte. Aber im Großen und Ganzen war es eine solide und vor allem unterhaltsam aufbereitete Produktion.

Dass der Titelheld kein ausgebildeter Vokalist, sondern „nur“ ein singender Schauspieler war, kann man als Manko werten, muss es aber nicht. Denn: Michael Rast machte gesangliche Schwächen durch sein ausgeprägtes, pointiertes Spiel mehr als wett. Auch Inés Zahmoul als „Roxane“, Karl Straub als „Ragueneau“, Folke Paulsen als „Graf Guiche“ oder Alessandro Macrí als „Christian de Neuvilette“ wussten  zu gefallen. Sehr flüssig und eindrucksvoll gerieten die Kampfszenen, vor allem jene, in der sich Cyrano erfolgreich gegen eine Hundertschaft gedungener Mordbuben zur Wehr setzt. Gut, hundert waren es jetzt auf der Bühne nicht gerade, aber ein knappes Dutzend Degenfechter und Klingenschwinger verursachte schon einen ziemlichen Wirbel. Die Hieb- und Stech-Orgie war trefflich choreografiert.

„Cyrano de Bergerac“, das ist bzw. war jener verhinderte, Anfang des 17. Jahrhundert in Frankreich lebende Lover, der sich ob seines etwas überdimensionierten Riechkolbens nicht traute, seine Angebetete anzubaggern. Stattdessen stellte er seine literarischen Talente in den Dienst des Nebenbuhlers und textete, quasi als Ghostwriter, für diesen ergreifende Liebesprosa. Klar, dass die Dame des Herzen dem vermeintlichen Dichterfürsten den Vorzug gab. Viel zu spät bemerkt sie ihren Irrtum….

 

Musikalische Umsetzung top

Zu den Stärken der Klingenberger Musical-Inszenierungen zählt seit „Evita“ die musikalische Umsetzung. Hier leistet der junge Florian Seibel ganze Arbeit und dürfte sich damit einen festen Platz im Kreativ-Team gesichert haben – sofern ein Musikalischer Leiter in den nächsten Jahren überhaupt noch einmal gefragt sein sollte. Auch diesmal trieb Seibel seine Mitstreiter mit viel Drive und Spielfreude durch die Partitur, die, das sei auch nicht verschwiegen, bei „Cyrano“ jedoch kaum über Ohrwurmpotential verfügt. Immerhin hat Komponist Marc Schubring der Geschichte aber eine deutlich schwungvollere Note verpasst, als 15 Jahre zuvor Jan van Dijk mit seinem gleichnamigen, sehr opernlastig daher kommenden Werk. Aber es reicht trotzdem nicht für das berühmte Aha-Hörerlebnis. Kaum eine der Melodien bleibt in den Gehörgängen haften. Die Partitur plätschert in gefälliger Belanglosigkeit eher so dahin.

Der Musikalische Leiter und die Seinen sitzen auf der Clingenburg nicht, wie andernorts üblich, im Orchestergraben, sondern thronen hoch über Bühne und Zuschauerraum. Die architektonische Anordnung der Ruine mit ihren verschiedenen Ebenen, die jeweils in den Ablauf der Inszenierungen einbezogen werden, macht auch mit einen der Reize dieser Spielstätte aus. Deren Ambiente ist einzigartig. Die Klingenberger Festspiele sind längst über den Status eines lokal begrenzten Kulturfestivals hinaus, sollten allerdings auch so agieren. Professionell(er) halt.

Festspiele wie diese lassen sich nicht wie ein Verein führen und verwalten, auch wenn eben ein Verein als Träger dahinter steht. Auf wichtigen Feldern wie Marketing, Personalpolitik und Kontinuität offenbart sich schon das ein oder andere Defizit. Das gilt vor allem für die Musicalsparte. Wenn es von Tagesform und Stimmungslage der Verantwortlichen abhängig ist, ob in der nächsten Saison wieder ein Stück Musiktheater auf den Spielplan gesetzt wird oder nicht, wird sich nie ein auch überregional gespeister, Musical interessierter Besucherstammkreis entwickeln können. Aber mit Schauspiel, Operette oder Kindertheater allein wird man überörtlich keinen Blumentopf gewinnen und sich nicht halten können – auch finanziell nicht. Dann droht der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.

 

Preisgestaltung überdenken

Auch ihre Preisgestaltung sollten die Klingenberger überdenken. Wenn man hier für den Besuch einer relativ kleinen Inszenierung ebenso viel (und je nach Kategorie sogar noch mehr) auf den Tisch blättern muss wie beispielsweise für eine mit internationalen Top-Stars besetze Premium-Produktion á la  „Aida“ in Tecklenburg, dann stimmen die Relationen ganz einfach nicht. Andererseits sind den Franken ja auch räumliche Grenzen gesetzt, die das Tarifgefüge beeinflussen. In die Burgruine passen pro Vorstellung gerade mal 800 Besucher hinein, ins Tecklenburger Freilichttheater aber mehr 2.000. Da kann man natürlich auch etwas anders kalkulieren. Doch unabhängig davon: das Preis-Leistungsverhältnis sollte schon stimmen – wenigstens in etwa.  

Potential und Voraussetzungen dafür, in Klingenburg eine vielleicht sogar bundesweit bedeutsame Festspielreihe zu etablieren, sind allemal da. Man muss sie nur ausschöpfen und nutzen – und dies natürlich auch wollen. Dann steht einem Aufstieg in die nächst höhere Liga sicherlich nichts im Wege. JÜRGEN HEIMANN

 

 

Poet und Haudegen: Cyrano de Bergerac (Michael Rast) ist ein Mann des Wortes und der Klinge. Foto: appeal

 

 Der Titelheld Meister im Kreise der Gascogner Kadetten.  Da ist Cyrano Ton angebend, doch angesichts  einer schönen Frau ist sein Selbstbewusstsein wie weggeblasen.

Grund: Der große Riechkolben mitten im Gesicht. Foto: appeal

 

Szenenfoto aus „Cyrano de Bergerac“. Die Ruine Clingenburg hat als Spielstätte einen ganz besonderen Reiz. Foto: appeal 

 

Würden täte er schon gerne, doch er kommt einfach nicht zum Zug:

Graf Guiche (Folke Paulsen) versucht immer wieder vergebens, bei der schönen Roxanne (Inès Zahmoul) zu landen. Foto: appeal