Reinhard Brussmann und Mara Dorn über ihre zu Ende gegangene Missionsreise

Boni für „Boni“: Starke Frauen und ein kantiger, Turbo-Mönch – Glücklich, dabei gewesen zu sein

 

Als Turbo-Mönch „Bonifatius“ hat er ja jetzt erst einmal ausmissioniert.  Und auch seine selbstbewusste Cousine „Lioba“ hat ihre Ordenstracht an der Garderobe abgegeben. Aber es sind Inszenierungen wie diese, von denen nicht nur die Besucher noch lange zehren, sondern auch die beteiligten Künstler. Und das ist in diesem Fall bei Reinhard Brussmann und Mara Dorn nicht anders. „Wir lieben Boni“, schwärmen beide unisono, auch wenn dieser Bursche und mit ihm das Stück vorerst mal in der Versenkung verschwunden ist – vorerst wenigstens. Dies, um Platz für „Die Päpstin“ zu machen.  Der neueste Streich der spotlight-Musicalproduktion hat mit Sabrina Weckerlin in der Titelrolle am 3. Juni 2011 im intimen Fuldaer Schlosstheater Premiere. Jenem Ort, an dem der streitbare Missionar (in wechselnder Besetzung) vier Spielzeiten lang Abend für Abend die Donar-Eiche flachlegt hatte, um später jeweils in den Armen seines Schülers Sturmius zu sterben – Auswärtsspiele in Erfurt und Bremen inklusive.

Während Weckerlin als „Alrun“ erst ganz zuletzt dazu stieß, war Brussmann der Mann und „Titelheld“ der erste Stunde und hat die Produktion seit der Uraufführung im Jahre 2004 mit Unterbrechungen begleitet und ein Stück weit mit geformt. Mara Dorn hatte bereits in der Staffel 2006  ihren Einstand gegeben. Über 100.000 Gäste haben sich in vier Spielzeiten von der packenden, eindringlichen Umsetzung der Lebensgeschichte des „Wynfried von Crediton“ beeindrucken lassen.

 

 „Diese Rolle hat mich am meisten geprägt“ 

„Eine Rolle, die zu denen zählt, die mich selbst am meisten geprägt haben“ (und die ihm quasi auch auf den Leib geschrieben war), bilanziert der Ur-Valjean aus Österreich. Er verlieh dieser „seiner“ Figur mit starker, kraftvoller Bühnenpräsenz Konturen und Profil. Mit seiner markanten, warmen Stimme und seinem intensiven Spiel hatte der Brussmann in keiner Sekunde ein Glaubwürdigkeitsproblem, noch wirkte er aufgesetzt oder gekünstelt. Der gereifte „Boni“ der letzten Spielzeit sei noch einen Tick kantiger und kontroverser ausgelegt gewesen, sagt er selbst. Indem der Apostel die Axt an die Donar-Eiche legte, habe er damit ja auch eher gespalten, statt Frieden zu stiften und dieses Dilemma erst erkannt, als es schon viel zu spät war. Dem Entsetzen des frommen Holzfällers über das lüsterne Treiben des Mainzer Kirchenfürsten Gewilip („Wenn selbst Bischöfe in Sünde leben…“) konnte man, nebenbei bemerkt, durchaus auch aktuelle Bezüge abgewinnen. Dass Teile des römisch-katholischen Episkopats und der Priesterschaft dahingehend über die Stränge schlagen ist, hat sich über die Jahrhunderte hinweg bewahrt, wie die jüngsten Skandale belegen. Es ist also nichts Neues.

 

Showstopper für’s Cousinchen

„Es war auch für uns interessant und spannend, verfolgen zu können, wie sich das Stück im Laufe der Jahre weiter entwickelt hat“, resümiert Mara Dorn zwischen zwei Happen beim Asiaten um die Ecke. Die zierliche, stimmstarke Kroatin profitierte schließlich am meisten von den zahlreichen Veränderungen und Aktualisierungen. So hatte Komponist Dennis Martin ihr und ihren rockenden Mitschwestern zuletzt mit „Starke Frauen“ eine schwungvolle und hervorragend arrangierte Ohrwurm-Gospelnummer mit absolutem Showstopper-Charakter spendiert. Ein Song, der wie maßgeschneidert für sie war und das Publikum jeweils aus den Sitzen scheuchte. So soll es sein.

 „Durch das Lied hat auch die Figur der „Lioba“, die in den vorangegangenen Versionen eher unauffällig daher kam und teils sogar (für den Fortgang der Story) überflüssig wirkte, mehr an Bedeutung gewonnen“, sagt die 160 Zentimeter große Aktrice. Und: Der Titel passt auch eher zum Temperament einer Mara Dorn, als jenes zwar ebenfalls wunderschöne, aber den Charakter nicht weiter vertiefende  und deshalb auch für das weitere Verständnis belanglosere  „Schön, Dich wieder zu sehen“, das dafür dem Rotstift zum Opfer fiel.

 

Kein endgültiges Aus 

Auch die dramatische Todesszene war bühnenwirksam und mit neuer Intensität modifiziert worden, in der streitbare Apostel, Ex-Bischof Gewilip und der Friesen-Rambo Radbold noch einmal die Geschehnisse der Geschichte rekapitulieren und dabei auf ihren jeweiligen Standpunkten beharren – bis zum bitteren, blutigen Ende. „Auch daran konnte man erkennen, dass die Autoren bis zuletzt bemüht waren, das Stück weiter zu entwickeln und reifen zu lassen“, sagen die beiden Künstler übereinstimmend. „Wir waren und sind stolz und glücklich, dabei gewesen zu sein“, bilanzieren sie. Auch wenn’s wohl ziemlich anstrengend war: Gerade mal 13 Tage Zeit hatte das zu 80 Prozent aus neuen Leuten bestehende Ensemble, um die Inszenierung einzustudieren. Und selbst die „alten Bonifatius-Hasen“ mussten wieder ganz vorne anfangen, weil es dramaturgisch und inhaltlich doch ziemlich viele Änderungen gegenüber den Vorgängerproduktionen gegeben hatte.

Dass das „Aus“ kein endgültiges, sondern nur ein vorübergehendes ist, davon sind Reinhard Brussmann und Mara Dorn überzeugt: „Früher oder später wird Bonifatius wieder zu Bibel und Axt greifen und weiter missionieren, irgendwo“. Das Stück habe trotz seiner lokalen Fixierung, wie sie in Fulda gegeben war, und der starken religiösen Gewichtung so viel Potential, dass es auch Zuschauerkreise in anderen Regionen erreichen und begeistern kann.

 

„Bronze für den „Altmeister“

Mit ihrem neuen Projekt „Die Päpstin“ haben sich die Fuldaer Produzenten  jetzt natürlich selbst etwas unter Erfolgszwang gesetzt. Die Erwartungen an diesen auf dem Bestseller von Donna W. Cross basierenden Bühnen-Thriller sind hoch, auch und erst recht nachdem die beiden Vorgängerproduktionen, eben „Boni“ und „Elisabeth - Die Legende einer Heiligen“, so gut angekommen sind. Nicht von ungefähr haben letztere  beiden Inszenierungen seinerzeit jeweils einen Da Capo-Award für das beste Musical des Jahres eingeheimst. Und dass der Lack dahingehend noch längst nicht ab ist, zeigt auch das Ergebnis der diesjährigen Da Capo- Leserwahl. „Bonifatius“ wurde hinter den Tecklenburger „Musketieren“ zum zweitbesten Short Term-Musical der Spielsaison gekürt. Sabrina Weckerlin, die in dieser Inszenierung als „Alrun“ zu erleben war, führt die Riege der beliebtesten weiblichen Musicalstimmen deutlich an. Und Reinfried Schießler bekam bei dieser Gelegenheit auch noch sein „Fett“ ab und kletterte auf Rang zwei im Ranking der besten Regisseure. Da erscheint es nur recht, billig und folgerichtig, dass auch sein Landsmann „Brussi“ nicht leer ausging. Der „Altmeister“ holte bei der Suche nach der besten männlichen Hauptrolle im Short Term die „Bronzemedaille“, während Mara Dorns „Starke Frauen“ in der Kategorie  Solo/Duett der neu geschriebenen Ohrwürmer deutlich auf dem ersten Platz lag.  

Die Auszeichnung hat sich Brussmann ganz sicher verdient, auch wenn es in den vergangenen Monaten etwas ruhiger um ihn geworden war. Aber so ganz los von der Musical-Bühne kam und kommt der auch im Opern- und Operettenbereich gefragte Tenor denn doch nicht. Während Kollegin Dorn nebenbei noch als Gesangs-Coach arbeitet, sich aber noch nicht näher über „einige viel versprechende Projekte“ im nächsten Jahr auslassen möchte, steht für den Österreicher schon fest, wohin ein Teil der Reise geht: ins viktorianische London. Brussmann übernimmt in der von Andreas Gergen und Christian Struppeck inszenierten Tourneeproduktion  von „Jekyll & Hyde“ (Konzertdirektion Landgraf) die Rolle des Sir Danvers Carew und zeichnet nebendabei auch noch als künstlerischer Leiter verantwortlich. In der doppelten Titelrolle ist übrigens Yngve Gasoy-Romdal zu erleben. Weitere prominente Castmitglieder: Leah Delos Santos als Lisa Carew und Sabrina Weckerlin als Lucy Harris. Die Konzertreise beginnt am 10. Dezember in Fürth und beinhaltet 95 Aufführung in ganz Deutschland sowie in Österreich und der Schweiz.  JÜRGEN HEIMANN

 

Ende der Mission: Mara Dorn und Reinhard Brussmann.
„Wir sind stolz und glücklich, dabei gewesen zu sein“. Foto: Heimann

 

 

Stark, eindringlich, überzeugend: „Bonifatius“ war für Reinhard Brussmann die Paraderolle schlechthin.
Hier begrüßt er seinen Schüler (und späteren Nachfolger) Sturmius (Dirk Johnston)
nach seiner Rückkehr von einem gefährlichen Auftrag. Foto: spotlight

 

 

(Bären-)Starke Frauen: Mara Dorn (vorne) hatte Komponist Dennis Martin mit dem gleichnamigen Song
einen echten Showstopper spendiert und auf den Leib geschrieben.
Da konnte die stimmgewaltige und temperamentvolle  Kroatin einmal so richtig aufdrehen.  Foto: spotlight