Intendant Holk Freytag gibt seinen Einstand

Hersfelder Festspiele 2010 mit einer Neuauflage der West Side-Story und einer Welturaufführung: „Carmen“

 

Die „Sharks“ und die „Jets“ werden sich auch im kommenden Jahr in der Bad Hersfelder Stiftsruine beharken. Nach dem Publikumserfolg in der abgelaufenen Saison 2008 – alle Shows der „West Side Story“ waren ausverkauft – soll Leonard Bernsteins Geniestreich für zwölf weitere Vorstellungen auf die Freilichtbühne zurückkehren. Das hat der neue Intendant Ende August angekündigt. Holk Freytag erntet damit ein klein wenig von der Saat seiner Vorgängerin Elke Hesse, die die „Mutter aller Musicals“ als Abschiedgeschenk nach Osthessen gebracht hatte und der damit ein glänzender Ausstand geglückt war.

Doch der Neue möchte sich nicht nur mit fremden Federn schmücken. Eine Welturaufführung muss zum Beginn seiner zunächst auf vier Jahre ausgelegten Amtszeit schon her. Der gebürtige Tübinger, der zuletzt am Staatsschauspiel in Dresden als Intendant verantwortlich zeichnete, zieht mit einer eigens für die Stiftsruine geschriebenen Musical-Fassung des Eifersuchtsdramas „Carmen“ – „Ein deutsches Musical“ in die 60. Festspielsaison. Das ist mutig, denn das Werk ist unbekannt. Interessenten, die jetzt Tickets ordern, kaufen also die Katze im Sack – und wissen nicht so genau, was da musikalisch auf sie zukommt. Das könnte die Lust, auf Verdacht Billetts zu erwerben, bremsen – muss aber nicht.

„Carmen“ basiert auf der literarischen Vorlage von Prosper Merimee und der gleichnamigen Bizet-Oper, soll aber in der Hersfelder Fassung einen eigenen Werkcharakter erhalten. Buch und Songtexte stammen von der Schriftstellerin Judith Kuckart („Wahl der Waffen“), die den zeitlosen Stoff kurzerhand ins Nachkriegsdeutschland verlegt hat. Wolfgang Schmidtke steuerte die Musik bei. Die Partitur soll als Mix aus Musical-, Jazz- und Popklängen daher kommen. Mit der Regieführung haben die Osthessen den Schweizer Stefan Huber betraut, für die Choreografie zeichnet Banny Costello verantwortlich.

Die Hersfelder Festspiele haben in der abgelaufenen Saison wiederum ein Defizit eingefahren. Es belief sich diesmal auf rund 150.000 Euro. 2000 Karten weniger als kalkuliert waren verkauft worden. Knapp 70.000 Besucher hatten sich von den insgesamt drei Haupt- Inszenierungen (West Side Story, „Odyssee“ und dem „Käthchen von Heilbronn“ ) sowie  den beiden Nebenaufführungen anlocken lassen. Mit der „West Side Story“ fuhren die Veranstalter dabei noch am besten. Sie kam auf eine Auslastung von 99,9 Prozent.

Insofern ist es nachvollziehbar, dass die Festspiele diese Karte erneut ziehen und auf eine Wiederholung des Stücks setzen – möglichst in identischer personeller Konstellation wie dieses Jahr. Andererseits hat sich aber auch die Konkurrenz im Münsterland, die Tecklenburger Freilichtspiele, die Aufführungsrechte daran für nächstes Jahr gesichert. Das könnte den Osthessen schon abträglich sein. Denn: Der gemeine Musical-Normal-Verbraucher liebt ja eher auch die Abwechslung und den Vergleich. Vor die Entscheidung gestellt, sich zweimal hintereinander die gleiche Inszenierung anzuschauen oder zu erfahren, was andere aus der selben Vorlage machen, dürfte der Fall für ihn klar sein. So könnte Tecklenburg indirekt von der großartigen Vorjahres-Inszenierung in der Stiftsruine profitieren. Davon abgesehen werden die Theatermacher an Deutschlands Sommer-Broadway natürlich ihr eigenes Ding durchziehen, eigene Akzente setzen und eine ganz andere (West Side) Story erzählen. Spannend wird das allemal – von der Besetzung einmal ganz abgesehen.

Trotz des unbefriedigenden Ergebnisses wollen die Hersfelder Festspielverantwortlichen in der neuen Saison 2010 noch einen Zahn zulegen. Das Budget wird um 600.000 Euro auf fünf Millionen aufgestockt, die Spielzeit um eine auf acht Wochen ausgedehnt. Auf der anderen Seite werden aber auch die Preise angehoben. Bei den Musical-Produktionen macht das 2,50  Euro mehr pro Karte aus als bisher. Damit liegen die Hessen in Relation zu anderen großen deutschen Freilichtbühnen deutlich im oberen Preissegment.  JÜRGEN HEIMANN