Und zwischendurch mal ein Heimspiel:


Anne Weltes Paddeltour: Im roten Gummiboot von der Hamburger Reeperbahn nach Saarbrücken


Ab und zu muss man sich allen anderen Tournee- und Gastspielverpflichtungen zum Trotz den Freunden daheim in Erinnerung rufen. Und bei dieser Gelegenheit schönes Wetter machen. Sonst wird man/frau vergessen. Diese Gefahr besteht bei Anne Welte zwar nicht, aber ein Heimspiel kann trotzdem nie schaden. Auch wenn es, wie im aktuellen Fall, erst mit zeitlicher Verzögerung zustande kam und eigentlich schon im Januar hätte stattfinden sollen. Doch erstens kommt es anderes…. Nach krankheitsbedingter Terminverschiebung hat sich die Aktrice jetzt in der ausverkauften Bel Etage des Saarbrückener Casinos zurück und entsprechend zu Wort/Gesang gemeldet.


Das "Püttlinger Mädsche", das derzeit in gleich zwei Produktionen der Tecklenburger Freilichtspiele zu sehen ist, zählt zu den verlässlichsten Konstanten der Deutschen Musical-Szene. Und das nicht erst seit der Rocky Horror Show Anfang der 90er Jahre in Hamburger Theater am Holstenwall. Dort hatte sich die junge Darstellerin nach erfolgreich bestandener Abschlussprüfung an der renommierten Stage School of Music, Dance and Drama ihr erstes Musical-Engagement eingefangen. Und von da an ging es steil bergauf. Wobei "Les Misérables" und "Tanz der Vampire" Meilensteine ihrer Karriere waren. Aber nicht die einzigen. Seit 2011 zählt die stimmstarke Saarländerin am Deutschen Sommerbroadway zur Stammbesetzung. Auf Deutschlands größter Musical-Freilichtbühne im Münsterländischen steht sie aktuell als "Frau Holle" in "Shrek" und als "Mrs. van Hopper" in dem Kunze/Levay-Epos "Rebecca" auf den Brettern.


Wenn Mackie Messer Bossa Nova tanzt


Aber nur aus dem Musical-Fundus zu schöpfen, wäre ja langweilig. Ein bisschen mehr und über dieses Genre hinausgehendes durfte und musste bei einem Solo-Konzert wie diesem schon sein. Immer getreu dem Motto "Meine Lieder sind mein Leben". Da darf auch schon mal das knallrote Gummiboot zu Wasser gelassen oder alles auf den Bossa Nova geschoben werden. Selbst ein Cowboy als Mann ist vorstellbar. Und Mackie Messer aus Brechts Drei-Groschen-Oper lässt einige Cents als Kredit springen, um anschließend, wie ganz Paris, von der Liebe zu träumen.
Mama Morton grüßt aus dem Knast


Die klangvolle Reise führte in die faszinierende Welt der Operette, die des Chansons und des Schlagers. Wobei die Klassiker keinesfalls angestaubt wirkten oder aus der Zeit gefallen schienen. Ihre musical-ischen Wurzeln mochte die Gastgeberin trotzdem nicht verleugnen. Die Schöne und das Biest ließen da ebenso grüßen wie Mama Morton aus dem Knast in Chicago. Da weinte Evita bitterlich um Argentinien, während Mary Poppins, das berühmteste Kindermädchen der Geschichte, ihre unkonventionellen Erziehungsmethoden erläuterte und dahingehend etwas aus dem Nähkästchen plauderte.
Apropos: Für unterhaltsame Plaudereien zwischendurch blieb genügend Zeit. Die ebenfalls gut disponierten Zuhörer erfuhren bei dieser Gelegenheit, warum die Entertainerin den Ausschnitt ihres Kleides hinten trug und was horizontale Dienstleisterinnen einst dazu bewogen hatte, sie zum Kaffeekränzchen in die rotlichterne Hamburger Herbertstraße einzuladen. Ja und da war dann auch noch Shirley Bassey, der Anne Welte einst backstage mit einem Stückchen Lux-Seife aus der sanitären Klemme half.


Dass die Musik vom Band kam, störte in keiner Weise. Die Stimme war echt und livehaftig. Unverwechselbar. Nächstes Jahr wieder, oder? Gleiche Welle, vielleicht anderer Stelle….


JÜRGEN HEIMANN



Zu Gast bei Freunden: In Saarbrücken bestritt Anne Welte nach langer Abstinenz wieder ein Heimspiel.
Das Solokonzert in der Bel Etage des hiesigen Casinos war ausverkauft. Fotos: Roger Poulet


Die vielen Gesichter eines „Püttlinger Mädsche“: Bei den Tecklenburger Freilichtspielen gehört Anne Welte inzwischen zur Stammbesetzung.
 Aktuell ist sie hier in „Shrek“ als „Frau Holle“ zu sehen (links).
n der vergangenen Saison stand die Künstlerin dort bei „Saturday Night Fever“ (Mitte)
und „Artus Excalibur“ auf den Brettern. Fotos: Heiner Schäffer



Stimmstark und unverwechselbar. Foto: Roger Poulet