Premiere in Datteln: …und sie spielte Cello!

Alex Melcher schlägt mit „Decay Inside Creation“ ein neues, spannendes Kapitel auf

 

Was immer der Titel des Projektes auch bedeuten mag,  Namen sind bekanntlich Schall und Rauch. Aber diesen sollte man sich vielleicht doch merken.  Die Verpackung ist eigentlich gar nicht so wichtig. Entscheidend ist das, was drinne steckt, und das darf allemal als außergewöhnlich gelten.  „Decay Inside Creation“ hat Alex Melcher sein jüngstes Baby getauft, das Anfang Juni  im heimeligen kleinen Katielli-Theater in Datteln zur Welt gekommen ist. Ein richtiger Wonneproppen!

Das  von außen eher  unscheinbare und von Bernd Julius Arends geleitete Haus, ein ehemaliges zur Spielstätte umgebautes Kino,  ist schon ein Kleinod an und für sich. Urig, wunderschön, urgemütlich. Der „große“ Saal bietet gerade mal 117 Sitzplätze, und die Zuschauer sind zwangsläufig ganz dicht dran am Bühnengeschehen.  Ein Blick auf den liebevoll zusammengestellten Spielplan zeigt:  Hier pulsiert ein quicklebendiges Kulturleben.  Konzerte, Theater, Musical, Kabarett, Tanz. Ein klein wenig sind die Dattelner  schon um diese Einrichtung zu beneiden.  Auf Facebook würde man jetzt den „Gefällt-mir“-Button drücken.

Spärliche Instrumentierung, aber ein kompaktes Klangbild

Und die Plakate im Foyer lassen den Schluss zu, dass der Gastgeber des Abends, von dem hier eigentlich die Rede sein soll, dort offenbar so etwas wie Heimvorteil genießt. Gleiches gilt übrigens auch für seine Lebensgefährtin Vera Bolten, die das Opening bestritt und sich dieser Aufgabe  mit  viel Spielwitz, großer Stimme  und der von ihr gewohnten Interpretations-Raffinesse stellte.  Nicht nur der Titel des aktuellen Melcher‘schen  Bühnenprogramms fällt etwas aus den Rahmen des Üblichen, die Instrumentierung tut es allemal.  Eine Gitarre (höchstens auch mal zwei) ein Cello – und das war’s eigentlich schon. Klingt jetzt nicht gerade nach Bombast, sollte es aber auch nicht.

Um es vorweg zu nehmen:  Es wurde ein grandioser Abend! Und der machte den nur ganz zu Anfang etwas nervösen Akteuren ebenso viel Spaß wie dem Publikum,  das die Künstler am Ende fünfmal auf die Bühne zurück applaudierte. Inzwischen waren letzteren längst  die  Zugabe-Stücke ausgegangen. . Alex Melcher hat  jenseits seines ersten Lebens als Musical-Darsteller parallel dazu immer schon auf anderen Baustellen gemauert.  Diverse Bandprojekte, die es dem gebürtigen Karlsruher und heutigen Wahl-Korschenbroichener  ermöglichten, seine Passion als Rockmusiker und Songwriter  auszuleben, gab es eigentlich ohne Unterbrechung.  Seine aktuelle Formation heißt „Grandfield“.  

Ein Klampfen-Magier aus Finnland

Und deren Gitarrist ist ein ganz ausgeschlafenes Kerlchen:  Arto Mäkelä. Den finnischen Saiten-Zauberer hatte Melcher nicht von ungefähr mit ins Boot geholt.  Dem in seinem Heimatland mit der Auszeichnung „Master of Guitar“ bedachten Klampfen-Virtuosen war auch die Aufgabe zugefallen, die eigentlich für eine gestandene Rockband geschriebenen Songs  neu zu arrangieren, auf die vorgegebene, spärliche Instrumentierung zu reduzieren und später adäquat live umzusetzen.  Das Ergebnis konnte sich sehen bzw. hören lassen.

Dritte im klangvollen Bunde war die Kölner Ausnahme-Cellistin Johanna Stein. Der musikalische und vokale Output dieser Drei  war auch ohne vordergründige Effekthascherei oder klangtechnische Sperenzchen ein kompakter, mitunter filigraner, aber auch, wo inhaltlich erforderlich, treibender Hörgenuss. Es fehlte nix, man vermisste nix, die Sache in sich war stimmig und lief einfach rund. Dazu passende und mit viel Detailliebe zusammen gestellte Videoprojektionen machten die Geschichten, die Alex Melcher in seinen Songs zu erzählen hat, auch visuell erfahrbar.

Direkt, klar und emotional

Es sind persönliche Dinge und Erfahrungen, Ansichten und Alltags-Streiflichter, die er darin verarbeitet. Die Texte sind direkt, klar und emotional und zeugen von einer genauen Beobachtungsgabe. Beispiel: „No Other Door“: „Während meines Studiums  bin ich morgens immer mit der U-Bahn zur Schule gefahren und habe meine Mitreisenden dort beobachtet.  Man begegnet wirklich den unterschiedlichsten Typen. Das war für mich wie Schauspielunterricht. Ich habe mir dann vorgestellt,  wer sie sind und was für ein Leben sie wohl führen mögen und später ihre Mimik und Bewegungen nachgeahmt. In vielen dieser Menschen sah ich tiefe Traurigkeit und Frustration über ein Leben, in dem sie feststecken und  aus dem sie keinen Ausweg mehr finden“.

 Die Setlist schöpfte aus den beiden zuletzt veröffentlichten Melcher- Alben „Man in the Moon“ und „The Tune: No More Excuses“. Kraftvolle Melodielinien voller überraschender Wendungen, einfallsreich, treibend, rockig, einfühlsam. Mehr davon!   Das Dattelner Konzert, auch für die beteiligten Künstler so eine Art Testlauf, wird hoffentlich keine Eintagsfliege bleiben. In diesem spannenden Projekt steckt jede Menge Potential drin.  Decay Inside Creation“ schreit einfach nach Zugaben. JÜRGEN HEIMANN

 

Alex Melcher hat mit „Decay Inside Creation“ ein spannendes Projekt am Start.
Mit im Boot sind die Kölner Ausnahme-Cellistin Johanna Stein (links) und der finnische Gitarren-Magier  Arto Mäkelä.