Bandenkrieg im Münsterland: New Yorks Upper Westside liegt in Tecklenburg

Mit einer packend inszenierten „West Side Story“ setzen die Freilichtspiele ihr zweites saisonales Glanzlicht

 

Neue Stelle, gleiche Welle: Jetzt gehen die verfeindeten Street-Gangs wieder aufeinander los, diesmal im schönen Münsterland. Das trostlose  Emigrantenviertel auf New Yorks Upper Westside  liegt in diesem Jahr (auch) in Tecklenburg. Daselbst, am deutschen Sommer-Broadway, bekriegen sich die „Sharks“ und die „Jets“ bis aufs Messer. Nach jahrelang vergeblichen Bemühungen ist es den hiesigen Freilichtspielen endlich geglückt, die Aufführungsrechte für die „West Side Story“ an Land zu ziehen. Nicht nur für Intendant Radulf Beuleke geht damit ein langgehegter Wunsch in Erfüllung.  Was das vom „Chefe“ berufene Leading-Team aus dem Stoff fabriziert hat, dürfte allen Ansprüchen, die selbst verwöhnte Musical-Besucher an diesen Bernstein-Klassiker knüpfen, gerecht werden. Dabei heraus kam eine fließende, atmosphärisch dichte, dramaturgisch ausgeklügelte und packende Inszenierung.

Das Stück ist für jeden Regisseur eine echte Herausforderung, aber man kann sich auch mächtig dran verheben. Helga Wolf hat alle sich auftuenden Klippen und lauernden Untiefen geschickt umschifft. Vor allem erlag auch sie nicht der Versuchung, der (sowieso zeitlosen) Story ein modernes Gewand über zu stülpen oder ins Hier und Jetzt zu verlegen. Sie lehnt sich eng an die Originalvorlage des 1957 uraufgeführten Klassikers an, in dem viele immer noch die „Mutter aller modernen Musicals“ sehen.

Dabei drängen sich Parallelen zur Neuzeit durchaus auf. (Fremden-) Hass und Intoleranz sind so alt wie die Menschheit. Was damals in den Fuffzigern bei den Amis die amerikanisierten (und fast etablierten ) Polaken einer- und die puertoricanischen Einwanderer andererseits waren, sind heuer, zumindest in den Brennpunkten unserer Großstädte, die Türken der dritten Generation, entwurzelte Balkanesen, die kriminalisierte Früchtchen mafiös strukturierter Araber-Clans oder die deutschstämmige Übersiedlerjugend aus dem zerfallenen Sowjetreich. Sie alle kämpfen um die Vorherrschaft in ihren jeweiligen Vierteln, wobei man bei der Wahl der Waffen heuer freilich noch weniger zimperlich ist als anno dazumal. Taten es früher Messer und hin und wieder auch Pistolen, müssen es heute mindestens mal Pump-Guns und/oder Handgranaten sein.

Schließlich geht es um viel, nicht nur, wie einst, um fragwürdige, Testosteron durchtränkte Begriffe wie Stolz und Ehre. Wer das Sagen in der/den Straße(n) hat, kontrolliert das kriminelle Spiel- und Umfeld, vom Rauschgiftdeal über Glücksspiel und Prostitution bis zum Menschen- und Waffenhandel  Aber das ist ein ganz anderes Kapitel. Gemessen daran hatten es ein Officer Krupke (in Tecklenburg verkörpert durch einen gewohnt souveränen agierenden Stefan Poslovski) oder ein (unverholen rassistisch eingestellter) Inspektor Schrank (Michael Micheiloff) im New York der Fünfziger Jahre noch mit einer relativ über- und durchschaubaren Szene hitzköpfiger Streetfighter zu tun. Mit denen war zwar auch nicht gut Kirschen essen, doch reiften bei ihnen am Ende, nachdem beide Lager ihren Blutzoll hatten entrichten müssen, immerhin ansatzweise Betroffenheit und Einsicht in die Sinnlosigkeit ihres Tuns.

Überragend: Leah Delos Santos

Die West Side Story bedient sich thematisch auch beim klassischen Romeo- und-Julia-Motiv oder jenen zwei Königskindern, die zusammen nicht kommen durften, weil sie zwei lokal  verfeindeten Ethnien angehörten. Mit Leah Delos Santos als „Maria“ und Lucius Wolter als „Tony“ sind diese beiden Schlüsselrollen in „Teck“ optimal besetzt. Vor allem die Philippinin setzt in diesem ihrem Paradepart Akzente und hat die Messlatte für alle, die nach ihr kommen mögen, ziemlich hoch gehängt. Stimmlich überragend und schauspielerisch grandios hatte die zierliche Künstlerin bereits im Vorjahr in gleicher Mission bei den Bad Hersfelder Festspielen abgeräumt. In Tecklenburg gelingt es ihr  dann och eins drauf zu setzen. Es ist genau dieser fein dosierte Mix aus großer Emotion, hauchzarter Komik, Ausdrucksstärke, tänzerischer Leichtigkeit und Vokalkraft, die diese, ihre Maria so überzeugend macht. Wobei die gesamte Bandbreite zwischen himmehohem  Jauchzen und (im wahrsten Sinne des Wortes) zu Tode Betrübtsein gespürvoll abgearbeitet und eingesetzt wird.

Sondheims Wortwitz für alle

Die Tecklenburger Freilichtspiele bedienen sich, wie im vergangenen und diesem Jahr ihre Osthessischen Mitbewerber auch, der deutschsprachigen WSS-Fassung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald. Im Gegensatz zu Bad Hersfeld  gibt es auf dem Balkon des Münsterlandes aber nicht nur die Dialoge, sondern auch die Liedtexte auf Deutsch. Das hat den Vorteil, dass sich die intelligenten und satirischen Texte eines Stephen Sondheim auch den des Englischen nicht so mächtigen Besuchern erschließen. Klar, beim Übersetzen ist es wie beim Hobeln: Da fallen Spähne. Etwas hintersinniger Schwund ist immer drin. Aber im Großen und Ganzen passt es und der Genius des frühen Sondheim blitzt durch.

Den Gegebenheiten ihrer Spielstätte entsprechend können die Hausherren das Geschehen noch mehr als anderswo in die räumlichen Tiefe und Breite streuen, was andererseits natürlich ein personelles Mehr verlangt. Aber daran herrscht ja in Tecklenburg ob der großen Statisterie der Freilichtspiele kein Mangel, was schon in der Eröffnungssequenz, einer quirligen, farbenfrohen Straßenszene, eindrucksvoll deutlich wird.

Grandiose Choreografie

Sicherlich mit das Schwierigste an einer adäquaten Umsetzung dieses anspruchsvollen Stücks ist die Choreografie. Lahmt selbige oder mangelt es ihr an originellen Ideen, ist der Rest nur Makulatur.  Aber mit Doris Marlis können die Freilichtspiele ja auf einen herausragenden „Dance-Coach“ zurückgreifen. Mit ihrem pfiffigen Bewegungsvokabular hat sie schon vielen Vorgängerproduktionen das berühmte i-Tüpfelchen verpasst. So auch und gerade in diesem aktuellen Fall. Die Tanzszenen sind grandios und gerade in den großen, personalintensiven Augenblicken ihrer syncronen Exaktheit beindruckend. Die Akteure leisten dabei Erstaunliches.

Es ist ja vor allem die die nach wie vor unübertroffene Verschmelzung von Schauspiel, Musik und Tanz zu einer Form des „totalen Theaters“, die die West Side Story so einzigartig macht. Wobei nicht zuletzt der Tanz zum beinahe wichtigsten, dramaturgischen Stilmittel gerät. Das wird vor allem bei den durch choreografierten Straßenschlachten zwischen „Jets“ und „Sharks“ deutlich.

Das Lied vom Officer auch in „Teck“ ein Showstopper

Das spannungsgeladene Bernstein’sche Klangpaket ist ob seiner komplexen Struktur und der Integration dissonanter Elemente  für den Konsumenten der Neuzeit an vielen Stellen gewöhnungsbedürftig. Gleichwohl entstammen ihm unsterbliche Melodien, die in Folge zu Welthits avancierten:¨"Maria", "America", "Tonight", "One Hand, one Heart" oder Somewhere", um nur einige zu nennen. Sie werden nicht nur für die Interpreten zum vokalen Stresstest. Überhaupt hat es die Partitur in sich, und da müssen schon Profis wie Tjaard Kirsch und seine große Instrumental-Streitmacht ran, die das Ganze erfrischend kraftvoll und mit viel Drive und Dynamik umsetzen. Dafür allein gibt es schon mal die volle Punktzahl. Zu den schrägsten und witzigsten Songs des Stücks gehört „Officer Krupke“, das die „Jets“ dazu nutzen, sich über alle Sozialisierungsversuche verbeamteter Streetworker und Gutmenschen lustig zu machen. Dieser köstliche mit komisch-satirischen Elementen vollgepackte Titel gerät erwartungsgemäß auch in Tecklenburg zum Showstopper.

Starke Cast

Die Cast, die hier antritt, hätte sicherer und gespürvoller nicht erwählt sein können. Und das gilt nicht nur für die exponierten Figuren. Neben den genannten Leah Delos Santos und Lucius Wolter erfordern vor allem Siegrid Brandstetter und Gianni Meurer zwingende Erwähnung. Letzterer gibt einen „Bernado“ (Marias Bruder und „Shark“-Anführer) wie aus dem Bilderbuch. Dem hiesigen Publikum ist er ja noch als „Emilio“ aus  „Miami Nights“ in guter Erinnerung. 2007 hatte er hier einen ähnlich gestrickten Charakter verkörpert, den seiner kleinen Schwester „Laura Maria Consuela Martinez Montoya Gomez“ in geschwisterlicher Beschützerliebe zugetanen Obermacho. Souverän in Ausdruck und Stimmstärke auch sein Girlfriend.“Anita“. Sigrid Brandstetter hatte die feurig-temperamentvolle Puertoricanerin bereits bei den Thuner Seefestspielen 2008 verkörpert.

Ein Kontrastprogramm fährt Lars Kempter. Ist er in der Parasllelinszenierung  (3 Musketiere) als König Ludwig XIII zu sehen, mimt der gebürtige Berliner in WSS mit viel Verve den Gossenschläger „Riff“. Einen Doppel-Job liefert auch „Chino“, sein Pendant im gegnerischen Lager der „Sharks“ ab. Silvano Marraffa zeichnet gleichzeitig in dieser Produktion als Dance Captain verantwortlich. Für Action als aufbrausend-jähzorniger „Aktion“ sorgt Martin Kiuntke.

Um ehrlich zu sein, natürlich reicht die „West Side Story“, was die euphorisierende Wirkung auf das Publikum anbelangt, nicht an das  Erststück der Tecklenburger Sommersaison heran – was ja auch gar nicht beabsichtigt war und sein konnte. . Die „3 Musketiere“ sind in und mit ihrer humoristischen Leichtigkeit, wohl kalkulierten Situationskomik und gefälligen-ohrwurmträchtigen Musik  ganz einfach peppiger, schwungvoller und moderner. -  wesentlich weniger düster und ernst, dafür natürlich auch oberflächlicher. Aber diese beiden Inszenierungen nebeneinander laufen zu lassen, macht ja gerade auch den Reiz der diesjährigen Tecklenburger Spielreihe aus. Egal wofür sich der Musicalfreund entscheidet, für die eine oder die andere Produktion – vielleicht auch sogar beide -  eine falsche Wahl treffen kann er nicht.  Beide Angebote sind absolut sehens- und hörenswert.  Schließlich haben die Freilichtspiele einen guten Ruf zu verteidigen – und das gelingt ihnen in diesem Jahr wieder auf ganzer Linie und gleich doppelt. JÜRGEN HEIMANN

 

Textil-Tuning: Maria (Leah Delos Santos, rechts) handelt mit Anita (Sigrid Brandstetter),
den Ausschnitt ihres Kleides etwas tiefer zu legen. Foto: Heiner Schäffer

Auf in den Kampf: Doris Marlis’ ausgeklügelte Choreografie treibt die Inszenierung
voran und verleiht ihr zusätzliche Intensität. Foto: Heiner Schäffer

 

Böse Buben: Nein, mit den Sharks ist nicht gut Kirschen Essen. Gianni Meurer (Mitte)
liefert als  Gangleader Bernado einen tollen Job ab. Foto: Heiner Schäffer

 

Requiem für tote Straßenkämpfer: Eindrucksvoll und unterstützt von einem stimmungsvollen Lichtdesign
visualisieren die Tecklenburger Freilichtspiele Betroffenheit und Trauer um das gewaltsame
Ableben von Riff und Bernado.  Foto: Heiner Schäffer

 

Dunkel und düster und voller Schmerz: Maria beweint den toten Tony. Foto: Heiner Schäffer

 

Streetfighting Men and Women: Die Jets und ihre Girlies. Foto: Heiner Schäffer

 

Lucius Wolter als Tony, der männliche Part der Königskinder, die zusammen nicht kommen durften…
 Foto: Heiner Schäffer

 

Glück sieht anders aus: Gefangen in einer Spirale der Gewalt und Intoleranz.
Die Liebe von Tony und Maria hat keine Zukunft. Foto: Heiner Schäffer

 

Leah Delos Santos ist auf der Tecklenburger Bühne die herausragende Akteurin. Foto: Heiner Schäffer

 

Auch für die Umsetzung der West Side Story wissen die Tecklenburger ihren großen
Personalfundus geschickt und eindrucksvoll zu nutzen. Foto: Heiner Schäffer