Tanz der Vampire - Palladium-Theater Stuttgart am 5.3.2010, 19.30 Uhr

Bericht von Karin Geupel

 

Besetzung:

Krolock: Jan Ammann, Alfred: Krisha Dalke, Sarah: Lucy Scherer, Prof. Abronsius: Christian Stadlhofer, Chagal: Jerzy Jerszke, Magda: Sanne Mieloo, Herbert: Florian Fetterle, Koukol: Stefan Büdenbender, Rebecca: Martine de Jager

 

Ensemble: David Baranya, Kym Boyson, Ross Mc Dermott, Casaba Farago, Maciej Salamon, Johan Vandamme, Isabel Dan, Paul Knights, Raphaela Pekovsek, Lucas Theisen, Samantha Turton, Gemma West, Sabrina Auer, Eva Maria Bender, Janaina Bianchi, Senta-Sofia Delliponti, Tibor Heger, Kevin Hudson, Sven Prüwer

 

Dirigent: Klaus Wilhelm

 

Wie in allen (Regional-)Medien zu hören, sehen und lesen war: Die Vampire sind in ihr Heimatschloss Stuttgart zurückgekehrt. Diesmal noch blutiger und bissiger als zuvor. Selbst wenn einige Fans den guten alten Vampirzeiten hinterher trauern, auch die Neuen können sich sehen lassen. Mit der Erstbesetzung erwartete das vollbesetzte Palladium-Theater ein großartiger Abend. Und die Darsteller hatten nicht wie jeden Tag einfach nur Musical-Begeisterte zu überzeugen. Nein: viele Fans, die das Stück weit über 50 Mal gesehen hatten waren gekommen.

Als das Orchester, leider wohl mit etwas kleinerer Besetzung als in der ersten Stuttgarter Inszenierung, zur Ouvertüre aufspielte, war sofort das Vampir-Gefühl wieder da.

Krisha Dalke, alias Alfred, rettete mal wieder seinen Mentor vor dem sicheren Erfrierungstod und konnte dabei erstaunlicherweise in seiner sehr naiven Rolle überzeugen. Für alle, die den Alfred noch von früheren Zeiten nicht so mochten: Krisha Dalke bringt dem Polanski Charakter endlich etwas Tiefe und Männlichkeit, soweit das in dieser Rolle möglich ist. Kam Alfred vor allem gegenüber seinem Gegenspieler, dem Grafen von Krolock, bisher immer sehr blass und lächerlich daher, spielte Dalke ihn zwar sehr unbedarft und lustig, wirkte in seiner Unerfahrenheit aber nicht dumm oder tapsig, was der Rolle erstaunlich gut tat.

Die ehemalige Glinda, Lucy Scherer, die ja die Rolle der Sarah schon in Berlin verkörperte, war allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Stimmlich hat Lucy Scherer, wie allen Wicked-Zuschauern bekannt sein dürfte, zwar einiges zu bieten, dennoch piepst und quietscht sie manchmal ganz schön in den leisen Tönen. Dann folgt aber kurz darauf wieder solch eine stimmliche Granate, dass man sich fragt, wie eine so zierliche Frau etwas so gewaltiges zustande bringt. Schauspielerisch stellte Scherer Sarah ein pubertierendes Mädchen dar, die nun endlich auch einmal etwas von der großen weiten Welt sehen will und deshalb dem Grafen nur zu gerne in sein Schloss folgt. Sarah rennt dabei keineswegs ohne Wissen in ihr Verderben, vielmehr locken sie die Abenteuer, die sie dank ihres überstrengen Vaters, nie erleben durfte. Alfred gefällt ihr zwar, aber nicht so sehr, dass sie deshalb den Grafen abservieren würde.

Das kann mal bei diesem Grafen, Jan Ammann, aber auch verstehen. Sie ist sicher nicht die einzige Frau, die eben diesem Vampir schlaflose Nächte verdankt. Ammann ist aber nicht nur wegen seines Aussehens eindeutig der schönste Krolock, den es bisher gab, er überzeugt auch stimmlich. Wenn er anfängt zu singen, erbebt der Saal. Jan Amman kann dabei zu Tränen rühren, zum Lachen bringen und jedem Zuschauer das Fürchten lehren. Der einzige kleine Wermutstropfen dabei ist für die Zuschauer, die das Stück bisher noch nicht gesehen haben oder gar auswendig können, dass, wenn Ammann volle Power in seine Stimme legt, der Text manchmal leider etwas zu kurz kommt. Dies liegt aber vielleicht auch an seiner Opernausbildung. Diesen minimalen Makel übergeht man allerdings gerne, wenn man einem so tollen Mann mit einer solchen Stimme zuhören darf.

Auch über Christian Stadlhofer, dem Darsteller des Prof. Abronsius kann man nur Gutes sagen. Er spielt den zerstreuten und ehrgeizigen Professor gewohnt solide und hatte viele Lacher auf seiner Seite, ohne zu lächerlich zu wirken.

Die Vorstellung verlief ohne große Pannen, obwohl die Darsteller wohl trotzdem einiges zu Lachen hatten. Im ersten Akt vor dem Schloss fiel Prof. Abronsius seine Visitenkarte aus der Hand, was sowohl dem verschreckten Alfred, als auch Graf von Krolock ein Grinsen über das Gesicht huschen ließ. Auch wurde beim Ball am Ende des Stücks kräftig getuschelt und gelacht. Da fragte sich der Zuschauer schon, warum die Sarah trotz eben erfolgtem Todesbisses und Blut überströmtem Hals so viel mit Krolock zu kichern hatte. Und warum der Graf mit Blutverschmiertem Gesicht aussah, als würde er nebenher noch Kaugummi kauen. Vielleicht hatte da etwas mit der Blutkapsel nicht so ganz hingehauen. Trotzdem tropfte Jan Ammann das Blut nur so vom Kinn, dass man hoffte er hätte ein Lätzchen von seinem kleinen Sohn mit im Gepäck gehabt.

Die Vampire der neuen Stuttgarter Inszenierung des inzwischen fast zu den Musical-Klassikern zählenden Polanski Stücks haben endlich wieder ihre Gruft zurück nach Stuttgart gebracht. In manchen Szenen, wie zum Beispiel bei „Ewigkeit“, wo nun keine Vampire mehr von den Gängen auf die Bühne kommen, oder in den reinen Orchester-Stücken sehnt man sich dann doch nach der guten alten Zeit zurück. In anderen aber, wie zum Beispiel den „roten Stiefeln“, ist die neue Inszenierung spektakulärer und gewaltiger als die Ursprüngliche. Auch sollte sich jemand, der Blut nicht sehen kann, zweimal überlegen in dieses Stück zu gehen, denn daran wird vor allem im Zweiten Akt nicht gespart. Zuerst beschmiert sich Chagall noch fast manierlich mit Blut, doch spätestens beim entscheidenden Biss von Sarah und deren Mahlzeit an Alfred spritzt das Blut in alle Richtungen. Lucy sah aus, als hätte sie Spaghetti Bolognese ohne Gabel und Löffel gegessen: Nicht nur ihr Mund, auch ihre Nase war komplett mit Blut beschmiert. Und damit Krisha auch noch was davon abbekam, spuckte sie es quer über die Bühne, so dass das Publikum lachen musste.

Es bleibt also das Fazit zu ziehen: Wer Vampire mag und Tanz der Vampire noch nicht gesehen hat: Reingehen! Dies ist womöglich die letzte Chance. Und alle die Vampire nicht mögen: Trotzdem reingehen! Dies ist eins der grandiosesten Musicals, die je in Deutschland gespielt wurden. Und schließlich kann man in Stuttgart ein tolles Ensemble erleben, welches man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Da bleibt nur zu sagen: „Ich bin Graf von Krolock. Und Stuttgart gehört mir.“