Tanz der Vampire am 4.6.2010 im Palladium-Theater in Stuttgart oder:

Gesellschaftskritik mal so richtig blutig

Von Karin G.

 

Wieder einmal hob sich der Vorhang im Palladium Theater in Stuttgart für die tanzenden Vampire. Und wie sollte es anders sein, natürlich war der Saal komplett gefüllt mit nach Blut und Grusel gierenden Menschen, die nicht erwarten konnten bis der böse Vampir-Graf seine Angebetete zu Tode, oder besser zu neuem Leben, beißt. Aber jetzt erst mal alles von vorne:

 

Besetzung:

Krolock: Jan Ammann, Sarah: Sabrina Auer, Professor: Sven Prüwer, Alfred: Krisha Dalke, Chagal: Maciej Salamon, Magda: Linda Konrad, Herbert: Florian Fetterle, Koukol: Stefan Büdenbender, Rebecca: Janaina Bianchi

Tanzsolisten: Kym Boyson, Paul Knights, Lucas Theisen, Vanni Viscusi

Gesangssolisten: Michel Driesse, Riccardo Greco,

Tanzensemble: Isabel Dan, Amanda Huke, Paul Knights, Toby Poole, Raphaela Pekovsek, Samantha Turton

Gesangsensemble: Eva Maria Bender, Sandra Bleicher, Senta-sofia Delliponti, Antje Eckermann, Kevin Hudson, Sanne Mieloo, Michaela Schober

Dirigent: Boris Ritter

 

Besonders im Fokus des Geschehens standen Maciej Salamon und Sven Prüwer. Die einzigen der Hauptdarsteller, die nicht first Cast waren. Vor allem Sven hatte gleich von Anfang an das Publikum auf seiner Seite. Er spielte den Professor erfrischend lustig, verwendete dabei seine eigene Gestik und Betonung, die viele Sätze wieder in neuem Licht erstrahlen ließen. Akustisch war er beim Singen in den hinteren Reihen zwar manchmal nicht ganz so gut zu verstehen, trotzdem wirkte seine Spielfreude auch dort. Spätestens bei Abronsius’ Parade-Stück im ersten Akt hatte er alle Anwesenden überzeugt und lies in den letzten Tönen sogar noch einmal die höchste Falsettstimme klingen.

Trotz Marciej Salomons fast perfekten Namens für die Darstellung eines jüdischen Vampirs, vermisste man bei ihm dennoch das rollende R und die tiefe Stimme von First Cast Jerzy Jeszke. Marciej war zwar gut, konnte aber dennoch nicht Jerzys Darstellung vergessen machen, dem der Chagal wohl einfach in Leib und Seele übergegangen ist. Im Zusammenspiel mit Linda Konrad im zweiten Akt war er dennoch für einige Lacher gut.

Sabrina Auer, die die Rolle der Sarah von Lucy Scherer übernommen hatte spielte das naive kleine Mädchen ebenfalls gut. Allerdings, auch wenn man Lucys piepsige „Wusch-Wusch“ Stimme nicht ganz zu Sarah passend fand, war Lucy dennoch schauspielerisch besser als Sabrina. Diese kleine Schwäche fiel vor allem bei „Draußen ist Freiheit“ sehr ins Gewicht. Gesanglich hat Sabrina eine wunderschöne Stimme, die aber irgendwie nur richtig in „Totale Finsternis“ zur Geltung kommt. Im Rest der Show wirkte ihre Stimme leider eher merkwürdig powerlos und blass. Bei den roten Stiefeln hatte man unter anderem das Gefühl, Jan müsste sich im Hintergrund fast etwas zurück nehmen um sie nicht von der Bühne zu singen. Zudem scheint es so, als hätte sie viele gesangliche Schlenker von ihrer Vorgängerin übernommen. Alles in allem ist Sabrina dennoch eine wirklich gute Sarah. Man schaut ihr gerne zu. Auch ein komödiantisches Talent scheint sie eindeutig zu besitzen, wie man vor allem in der dritten Badeszene im Schloss des Grafen sehen konnte. Sie wedelte mit dem riesigen Schwamm wirklich äußerst grazil vor Krishas Gesicht herum und spielte dabei mit dem Schaum wie ein kleines Kind. Wirklich komisch.

Krisha Dalke war mal wieder sehr gut. Ihm steht die Rolle des Alfreds einfach und dem Alfred tat es zweifelsohne auch einmal gut nicht ganz so dümmlich dargestellt zu werden. Zusammen mit Sven Prüwer sorgte er gestern Abend für viel Gelächter im Zuschauerraum. Besonders lustig war dabei die Keller-Szene im zweiten Akt. Krisha stellte sich herrlich ungeschickt an und man hatte wirklich Mitleid mit ihm, wenn er sich da, mit dem Schuh seines Mentors in der Hand, vor Angst fast in die Hose machte.

Nun aber zu Jan Ammann. Wie immer war er vom ersten Ton an einfach unschlagbar, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst in den hinteren Reihen kommt seine Stimme noch mit einer solchen Wucht an, dass man sich fühlt, als würde man von einem Hammer getroffen und davon platt an die Wand gedrückt. Komischerweise erschien es nur so, dass Jan diesmal im ersten Akt seine besonders starken Auftritte hatte, während er im zweiten Akt irgendwie etwas müde wirkte. Aber so kurz vor dem Urlaub kann das sicher auch einem Voll-Blut-Profi wie Jan einmal passieren. Besonders stark war gestern die „Einladung zum Ball“ und das Finale des ersten Aktes. Bei letzterem musste man einfach schon allein wegen Jans Lache anfangen mit zu lachen, auch wenn man den Witz an sich gar nicht wirklich lustig fand. Er hat die Bösewicht-Lache nun wohl tatsächlich zur Perfektion gebracht. Auch sein letzter Ton, der die Zuschauer in die Pause verabschiedet saß mal wieder wie eine eins. Da bleibt der Zuschauer dann erst mal sprachlos zurück und muss sich in der Pause neu besinnen, dass alles doch nur Show ist.

Was noch für Gesprächsstoff in der Pause sorgte (übrigens nicht nur an unserem Tisch), hat mit dem Gesanglichen und Schauspielerischen nun aber dennoch nichts zu tun. Wieder einmal fragten sich zahlreiche Zuschauerinnen, warum dieser Graf immer eine so enge Hose anhat. Ist das bei Vampiren in oder nur um die (fast) nackte Sarah in der Badewanne auszugleichen? Das wird allerdings wohl für immer ein Rätsel bleiben, das die Vampire wieder mit ins Grab, oder besser in ihre Gruft nehmen.

Nach der Pause wurde dann mit Spannung die „Gier“ erwartet. Leider schien Jan, wie bereits erwähnt, schon etwas urlaubsreif. Normalerweise kann er es nämlich wirklich schaffen, dass sein Publikum ihm den verzweifelten Vampir so gut abkauft, dass es den Tränen nahe ist. Dieses Gefühl konnte er gestern aber leider nicht ganz erzeugen. Die Gier schien eher sehr nachdenklich und still, als wütend und verzweifelt. Für einige Kultur-Kritiker könnte dies aber die bessere, weil gesellschaftskritischere Darstellungsweise sein. Hier wird abermals, wie zuvor schon in Chagall und Magdas Stück („Geil zu sein ist komisch“) auf die „Unstillbare Gier“ die bald, nämlich „bevor noch das nächste Jahrtausend beginnt“, die Menschheit regieren wird hingewiesen. Diese Warnung aus dem Mund eines Untoten bringt doch in Zeiten der Wirtschaftskrise und Ölpest wegen Profitgier eine ganz neue Brisanz in das Stück. Diese dürfte dem gemeinen Zuschauer wohl noch vor zehn Jahren zur Uraufführung der Vampire sicherlich nicht ganz so bekannt gewesen sein.

Um aber wieder zu Jan zurück zu kommen: er war einfach mal wieder atemberaubend und ist wohl einer der besten Krolocks, die man in diesem Stück je sehen konnte.

Ein besonders großes Lob soll hier nun aber auch an die Tänzer gegeben werden, die wirklich immer super sind! Denn das Stück lebt nicht nur von großen Melodien und Stimmen, sondern auch von der tollen Darstellung durch die Tänzer, die immer wieder neue Facetten der Figuren darstellen. Auch sie können die Zuschauer ebenso begeistert mitreissen wie ihre Gesangs-Kollegen. Denn was wären zum Beispiel die „Roten Stiefel“ ohne die grandiose Choreografie dazu.

Auch das Gesangsensemble hat gestern seinen Job wieder einwandfrei gemacht. Besonders fiel dabei Riccardo Greco auf. Die Stimme des aus „Ich Tarzan du Jane“ bekannten Darstellers schien selbst in den Ensemblestücken hin und wieder eindeutig hervor zu stechen. Riccardo ist sicher ebenfalls ein echt interessanter Alfred.

Das blutige Ende kam dann aber natürlich auch gestern Abend, wie erwartet. So konnten die Zuschauer, wieder angenehm begruselt und in guter Stimmung, in die laue Stuttgarter Sommernacht entlassen werden. Einige von ihnen waren sicherlich wieder nicht zum letzten Mal da. Denn Vampire und Blut, gemischt mit grandioser Musik, einer tollen Cast und einer super Bühnenshow machen einfach unstillbar gierig nach mehr.