Starlight Express Bochum: Altes Eisen rostet nicht 

 

... oder vielleicht doch? Am 17. 7. 2010 war es soweit, sich davon zu überzeugen

ein Bericht von Karin Geupel

 

Schon vor dem Theater ist zu erkennen: Der Starlight Express spielt schon lange in Bochum. Die Leuchten mit dem knall-blauen Schriftzug strahlten leider nicht mehr vollständig in die laue Sommernacht. Auch im Theater selbst waren die Sitze schon sehr angegriffen. Die Polster hatten hin und wieder kleine Risse und für allzu große Menschen ist der Saal wohl auch nicht gedacht. Da hatten die Zuschauer ab 1,70 Metern schon so ihre Probleme in die Reihe zu kommen. Auch die Absperrungen an den Außenbahnen zeigten einige Risse und Schrammen, was allerdings doch sehr großen Charme und Nostalgie versprühte. Mit diesem Gefühl begab sich das Publikum dann in die Halle, wo über den Köpfen kleine Spielzeug-Eisenbahnen die Zeit bis zum ersten „Tut, Tuuuut“ der Dampfloks versüßten.

Sofort war klar, dass es sich hier nicht um ein „normales“ Musical handelte. Natürlich fehlte zuerst einmal der Vorhang. Auch das Orchester konnte man nur auf den kleinen Bildschirmen, die am Bühnenrand befestigt waren, hin und wieder erkennen. Als die ersten Loks in die Bahnen fuhren merkte jeder sofort: Hier muss man nicht nur zuhören, sondern auch mitfühlen. Der Boden erzitterte, die Schweißperlen der Darsteller flogen einem nur so um die Ohren und auch die Musik riss mit. Die altbekannten Melodien haben noch nichts von ihrer Brillanz eingebüßt. Trotzdem bemerkt man ganz deutlich, dass es sich hier um ein Musical aus den 80ern handelt. Wer nicht so auf Elekto-Pop steht, dem kann es dann doch manchmal etwas zuviel werden. Außerdem erleichtern die verzerrten Stimmen, die dann auch noch von Darstellern mit sehr amerikanischem Akzent gesprochen werden, nicht gerade das Verständnis. Akrobatisch waren alle Darsteller top. Doch vielleicht täte auch mal etwas mehr Zeit für die Phonetik gut. So konnte man zum Beispiel Speisewagen „Dinah“ Georgina Hagen leider oft sehr schlecht verstehen.

Highlight des Abends war aber Kevin Köhler. Der zierliche Darsteller, der bei einer ZDF-Show die Rolle des Rusty gewonnen hatte, überzeugte mit starker Stimme und körperlicher Fitness. Gerade gegen Ende der Show häuften sich dann doch die Stürze und die Zuschauer konnten sehen, wie den Darstellern der Schweiß in Strömen von der Nase tropfte. So viel Einsatz gibt es wohl bei den wenigsten Musicals jeden Abend auf der Bühne zu sehen. Echt beeindruckend!

Auch „Pearl“ Carla Pullen brillierte auf ganzer Linie. Eine tolle Stimme, Bewegungen, die an mühelosen Eiskunstlauf erinnerten, und trotz der fragwürdigen Rolle eines Erste-Klasse Wagens, die sich an jede Lock ranschmeißt, die ihr grad den Hof macht, wirkte sie nie unsympathisch oder lächerlich.  Kevin und sie im „neuen“ Lied am Ende des Stückes zusammen zu sehen, ließ über jede Panne hinwegsehen.

Und Pannen gab es doch einige:  Nicht nur, dass sich gleich zu anfangs der Show ein Darsteller verletzte, der dann ausgewechselt werden musste (der Arme!) und viele Crashs, die wohl so nicht ganz geplant waren auch der Ton und die Mikros waren nicht immer so wie es sein sollte. So musste Kevin Köhler im Zweiten Akt für seinen Duettpartner Graham Harvey, den Kohletender, einspringen. Als dessen Mikro nur noch Bruchstücke des Textes von sich gab, sang Kevin einfach kurzerhand auch dessen Text mit. Sehr skurril.

Alles in allem ist der Starlight Express einen Besuch wert! Schon allein, weil er einfach Kult ist. Die körperliche Leistung der Darsteller ist wirklich atemberaubend und der Zuschauer ist wohl bei den wenigsten Musicals wirklich so inmitten aller Action. Trotz einiger äußerer Roststellen, ist ganz klar festzustellen: Alt sind die Loks zwar schon, aber sie gehören noch lange nicht zum alten Eisen.

 

Besetzung:

Rusty: Kevin Köhler, Pearl: Carla Pullen, Greaseball: Ernest Marchain, Ashley: Emma Jenkins, Dustin: Graham Harvey, Electra: Andreas Wolfram, Buffy: Carmilla Hardy, Dinah: Georgina Hagen, Papa: Reginald Holden Jennings...