„Hairspray“ in Köln: Gute Laune pur im Sprühnebel 

 

Pfundig!  Mit FCKW und Speckröllchen auf der musical-ischen Überholspur

 

Da hatte Michael Brenner wieder einmal den richtigen Riecher. Der Impresario mit dem ausgeprägten Näschen für hitverdächtige Bühnen- und Theaterereignisse ist angetreten, dem Rheinland eine Extraration FCKW zu verpassen. Und eins vorneweg: Gegen dieses „Hairspray“ wirkt Drei-Wetter-Taft wie ein Placebo. Wie dieser US-Stoff auf das deutschsprachige Publikum wirkt, war Anfang 2008 zunächst in kleinerem Rahmen im schweizerischen St. Gallen angetestet worden. Die Reaktionen waren schon damals äußerst viel versprechend. Jetzt ist der Coiffeur-Dampfer am Kölner Rheinufer vor Anker gegangen. Seit Anfang Dezember vergangenen Jahres erwartet die Besucher hier eine volle Packung gute Laune, gekreuzt mit überschäumender Lebensfreude und purer Energie. Die neue Inszenierung dürfte dem Musical Dome auf Monate hinaus satte Auslastungsraten bescheren. Das ist mal sicher. You can’t stop the beat! Und das will (und kann) ja auch wirklich niemand. „The Show must go on“, hatte einst ja schon der selige Freddie Mercury in einem anderen Zusammenhang postuliert. In Folge fand das Queen’sche Erbe mit „We will rock you“ unweit des Hauptbahnhofs eine würdige Nachlassverwaltung. Nun kann man beide Produktionen weder inhaltlich, noch musikalisch oder dramaturgisch miteinander vergleichen. Doch eines ist beiden gemein: Der Bouhh- und Whoww-Effekt. Das durchgeschüttelte Publikum verlässt das Theater in und mit der Gewissheit, einen tollen, geilen Abend (oder Nachmittag) erlebt zu haben.

Und dieses Aha-Syndrom ist bei „Hairspray“ quasi vorprogrammiert. Wer noch nicht ganz abgestumpft ist, wird von dem Charme und dem ausgelassenen Enthusiasmus, der sich da auf der Dome-Bühne manifestiert, zwangsläufig mitgerissen. Und allerspätestens zum Ende der ersten Halbzeit dieser sieben Millionen Euro teuren Produktion wird auch dem Letzten klar, warum das 2002 am Broadway uraufgeführte, in Folge nach London transferierte und mit 31 Internationalen Preisen überschüttete Stück zu den erfolgreichsten Musicals aller Zeiten gerechnet wird.

 

Mitreißende Melodien zwischen Soul, Motown und Rock’n Roll

Die Bühnenversion basiert auf dem 1998 entstandenen, gleichnamigen Film von John Waters. Auf der Brodway-Adaption wiederum fußt der „Hairspray“-Film aus dem Jahre 2007 mit John Travolta und Michelle Pfeiffer in den Hauptrollen. Die Partitur stammt von Marc Shaiman, einem der erfolgreichsten amerikanischen Filmmusikkomponisten (Harry & Sally, Sister Act,  Der Club der Teufelinnen, Southpark). Für die Bühnenfassung hatte er die Musik komplett neu entworfen. Zwischen dem feschen Opener „Guten Morgen Baltimore“ und der fulminanten Finalnummer, die eingedeutscht „Niemand stoppt den Beat“ heißt, packt Shaiman einen ganzen Sack voller eingängiger und mitreißender Melodien zwischen Rock’n Roll, Soul und Motown. Broadway-Regisseur Jack O’Brien hat auch den deutschen Hairspray-Ableger federführend begleitet, wobei die Original-Rezeptur mehr oder weniger 1:1 übernommen wurde. Die eigentliche Schwierigkeit bestand darin, den angloamerikanischen Witz adäquat ins Deutsche zu transportieren, was aber bis auf kleine, kaum ins Gewicht fallende Ausnahmen geglückt ist. Nicht nur die Dialoge, sondern auch die Liedtexte, die für das Verständnis der Geschichte eine wichtige Rolle spielen, mussten „germanisiert“ werden. Da haben Jörn Ingwersen (Dialoge), Heiko Wohlgemuth und Wolfgang Adenberg (Liedtexte) ganze Arbeit geleistet.

 

Zwischen Günter Wallraff und Heidi Klumm

Storyline, Ort und Rahmen der Handlung reißen den gemeinen Musical-Konsumenten des frühen 21. Jahrhunderts bei vordergründiger Betrachtung zunächst einmal nicht vom Hocker. Das Baltimore des Jahres 1962 und die Musik dieser Zeit sind zu weit weg. Oder doch nicht? Was haben wir aufgeklärte und tolerante Mitteleuropäer mit Rassendiskriminierung am Hut? Nun ja, Günter Wallraff hat uns ja unlängst wieder gezeigt, dass der Rassismus im Lande des deutschen Michels nach wie vor latent ist. Und dass Jugendliche gegen gesellschaftliche Konventionen aufmucken, hat es zu allen Zeiten gegeben. Und sein wir mal ehrlich: So angestaubt und vorgestrig kommt der Beat der frühen Sixties auch nicht daher, zumal wenn er, wie in Köln, mächtig aufgepeppt und mit der technischen Raffinesse der Moderne gewürzt wird. Also ist der zeitliche und thematische Bogen- und Brückenschlag von heute in die Sechziger so abwegig doch nicht. Der Identifikationsquotient entsteht quasi von selbst. Gut, die Klamotten von damals wirken auf den Top-Model verwöhnten, modisch aufgeklärten und Heidi Klumm-gestählten Textil-Freak von heute schon etwas lächerlich, zumindest aber gewöhnungsbedürftig. Gleiches gilt für die Frisuren – aber dadurch bezieht „Hairspray“ ja gerade einen Teil seines Spannungsbogens und seinen Namen.

 

Vital, hingebungsvoll und überschwänglich  

Was genau und im Einzelnen dem Stück aber nun ein derart ausgeprägtes Unterhaltungs- und Wohlfühlpotential verleiht, ist so dezidiert und an einem bestimmten Punkt eigentlich gar nicht fest zu machen. Diese Summe des Ganzen ergibt sich aus einer Vielzahl kleiner exakt zusammenpassender, bonbonbunten Mosaiksteinchen, die wie kleine Rädchen eines gewaltigen Getriebes ineinander greifen und die gut geölte Maschine höchsttourig laufen lassen. Vielleicht sollte man erst gar nicht versuchen, diese Faktoren analysieren zu wollen und sich stattdessen ganz einfach der Überschwänglichkeit und der hingebungsvollen Vitalität des Ganzen hingeben. Es geht um Emanzipation und Toleranz, um Gleichberechtigung und das Recht, anders sein zu dürfen. Eine Absage an Konformität, Borniertheit, Gruppenzwang und Kleinkariertheit.

 

Die Geschichte selbst ist in wenigen Sätzen skizziert. Traum der pummeligen Tracy Turnblad ist es, am Tanzwettbewerb der Corny Collins Show, der unter Teenagern angesagtesten TV-Sendung der Stadt, teilzunehmen und diesen zu gewinnen. Ein paar Kilochen zu viel auf den Speckhüften, entspricht das kernige, selbstbewusste und lebensfrohe XXL-Mädel aber nicht unbedingt den gängigen Schönheitsidealen ihrer Zeit, denen ihrer Altersgenossen und denen der Produzenten. Gleiches gilt für ihre Freunde, die, weil farbig, allenfalls am „Negro Day“ ins Studio gelassen werden, während selbiges an den übrigen Tagen den weißen Kids vorbehalten bleibt. Dagegen rebelliert die von Hause aus mit einer gehörigen Portion Gerechtigkeitssinn (und einem Schuss Naivität) ausgestattete Tracy erfolgreich und mutig. Sie wandelt sich zur Dancing-Queen und bekommt nebenbei auch noch ihren Traumprinzen ab. Das war’s. Eine eher belanglose Storyline, wären da nicht die Akteure, die diese mit Leben füllen. Hinzu kommen eine Fülle origineller Regieeinfälle, witzige Dialoge, atemberaubende Tanznummern (Choreografie: Jerry Mitchel, Michele Lynch)  und rasanten Szenen- und Kostümwechsel. Spätestens nach der zweiten Nummer ist der Funke endgültig auf das Publikum übergesprungen. Da geht die Post ab. Aus den Spraydosen sprühen Schwaden voller Leidenschaft, Esprit und Verve.

 

Grandios: Uwe Ochsenknecht und Maite Kelly

Die beiden Hauptrollen mit Musical-unerfahrenen Protagnonisten zu besetzen, erweist sich als Glücksgriff, zumindest in der aktuellen personellen Konstellation. Mit Maite Kelly als Tracy und Uwe Ochsenknecht als deren warmherzige Frau Mama Edna („So schöne Beine hatte ich noch nie“)  haben die Macher der Show zwei grandios und in jeder Sekunde souverän agierende „Gastarbeiter“ engagiert, die sich mit ihrem hingebungs- und temperamentvollen Spiel nahtlos in die Riege der übrigen 37 professionellen Musical-Routiniers einfügen und den Eindruck erwecken, als hätten sie nie im Leben anderes gemacht als auf einer solchen Bühne zu stehen. Uwe Ochsenknecht, in der ersten Frauenrolle seines Lebens anrührend und komisch zugleich, wechselt sich im Part der Kittelschürzen-Mom mit Schwergewichts-Comedian Tetje Mierendorf ab. Dritter im Bunde ist hier Martin Berger, der als Alternate ebenfalls eine hoch interessante Rollenauslegung verspricht. Ihnen gegenüber steht Papa Wilbur, dem Leon van Leeuwenberg eine herrlich herzenswarm-einfältige Note verpasst. Ein klein wenig erinnert das an seinen „Mr. Cellophane Man“ aus alten Düsseldorfer „Chicago“-Tagen, nur eben noch ein paar Nuancen pointierter. Weil er als ideenreicher, aber geschäftlich eher erfolgloser Scherzartikelerfinder die Familie nicht über Wasser kann, muss halt seine pfundige, bessere Hälfte Edna, an der er jedes überflüssige Speckröllchen aufrichtig liebt, mit anpacken und das Budget durch Waschen und Bügeln aufbessern. Daneben hat die wuchtige Frau ihre Prinzipien und Grundsätze. Und dazu zählt auch die anfängliche Ablehnung der ihr höchst suspekten Nigger-Musik, auf die die Kids so stehen, ihre eigene Tochter und deren beste Freundin „Penny Pingleton“ (Entzückend: Jana Stelley) eingeschlossen.

 

Nicole Berendsens glänzendes Deutschland-Comeback

Mama Turnblads liebenswertem Charakter diametral entgegengesetzt ist der von Velma Von Tussle, einer hochnäsigen, arroganten und intriganten blonden Schickse. Als solche glückt der Niederländerin Nicole Berendsen ein glänzendes Bühnencomeback in Deutschland. Als Produzentin der Corny Collins-Show, deren Moderator Rob Fowler gibt, versucht sie mit allen Mitteln ihrem nicht minder tumben, blond-blöden und zickigen Töchterchen Amber (Tinete Ogink) den Sieg des Tanzwettbewerbs zuzuschustern, was ihr auch beinahe gelingt, aber eben nur beinahe. Neben Berendsen vermag vor allem noch Deborah Woodson als Plattenladenbesitzerin Mothermouth Maybelle vokale Glanzlichter zu setzen. Der nachhaltige Eindruck, den diese pfundige, soulige Power-Frau hinterlässt, wird jedoch durch ihre mitunter kaum verständliche Artikulation des Deutschen etwas getrübt.

 

Dafür gibt’s die volle Punktzahl!

Dreh- und Angelpunkt des turbulenten Spektakels ist und bleibt jedoch nun mal Tracy Turnblad, die zur Heldin heldenhafter Eltern wird. Ein ganz schöner Druck, der da auf Maite Kelly lastet. Sie, die es als erster dicker Teenager in den 90er Jahren auf den „Bravo“-Titel schaffte, überrascht als quirliges Energiebündel, das sich als Tänzerin und Sängerin mühelos zwischen den „alten Muscial-Hasen“ behauptet. Maite Kelly personifiziert die zentrale, sich wie ein roter Faden durch alle Szenen ziehende Botschaft des Stücks: Sich und andere lieben und respektieren, nicht nur ob ihrer Stärken, sondern auch wegen ihrer Schwächen. Scheißegal, ob Du dick, dünn, schwarz, weiß, klein, groß oder anders bist, entscheidend ist, dass Du das Herz auf dem rechten Fleck hast. Und dann ganz nebenbei noch ein klein wenig Toyota-Philosophie: Nix ist unmöglich, wenn man nur will! Ob das jetzt im wahren, realen Leben immer und überall so ist, sei einmal dahingestellt. In Köln-Baltimore jedenfalls scheint es so zu sein. Und das ist gut so. Und es funktioniert. Volle Punktzahl! JÜRGEN HEIMANN

 

 

Da bebt das Parkett: Let’s dance! Tracy Turnblad (Maite Kelly), Corny Collins (Rob  Fowler)
und Seewead J. Stupps (Tedros Teclebrahn) – v.l. – ergeben sich dem Rhythmus,
bei dem jeder mit muss. Foto: Nilz Böhme

 

 

Blond, zickig, arrogant: Nicole Berendsen (Mitte) verleiht der intriganten Velma Von Tussle mit
Stimmgewalt, Mimik und pointiertem Spiel eine besondere Note. Foto: Nilz Böhme

 

 

Musical-Debütanten in der ersten Reihe: Maite Kelly als selbstbewusster XXL-Teenager Tracy Tuernblad
und Uwe Ochsenknecht in seiner ersten Frauenrolle als deren Mama Eda liefern in Köln einen tollen Job ab. Foto: Nilz Böhme

 

 

Urkomisch und herzerfrischend: Leon van Leuwwenberg (rechts) kann als ideenreicher, aber wirtschaftlich
erfolgloser Scherzartikeletrfinder Wilbur Turnblad die Familie nicht ernähren. Da muss „Muddi“
Uwe-Eda mit Putzen und Waschen aushelfen. Aber für einen Schwof zwischendurch bleibt immer mal Zeit.  Foto: Nilz Böhme

 

 

Knallbunt und spritzig: Die Choreografie von „Hairspray“ verlangt den Akteuren auch sportliche Höchstleistungen ab.
Foto: Thommy Mardo

 

 

Abgehoben: Daniel Berini als „Link Larkin“ und Tedros Teclebrhan (Seaweed J Stupps)
liefern sich einen freundschaftlichen Luftkampf. Foto: Thommy Mardo

 

 

Jana Stelley (links) spielt Tracys mutig-schüchterne beste Freundin „Penny Pingleton“ hinreißend
Foto: Thommy Mardo

 

 

Die „Heimatfront“ jubelt: Aus dem Fernsehen erfahren Penny und die stolzen Eltern Edna und Wilbur,
dass ihr Töchterchen Tracy den Tanzwettbewerb in der Corny Collins-Show gewonnen hat. Foto: Thommy Mardo

 

 

Uwe Ochsenknecht und Maite Kelly wuchern in Köln mit Pfunden, Spielwitz und Temperament.
Foto: Guido Ohlenbostel

 

 

Schwungvoll, rasant, witzig und bonbonbunt: Das ist „Hairspray“