Die Bad Hersfelder Festspiele schmücken sich mit dem Glanz einer Welt-Uraufführung

„Carmen“ wird zur schillernd-tragischen Musical-Heldin im Nachkriegs-Deutschland

 

Der Kartenvorverkauf für die 60. Bad Hersfelder Festspielsaison lief schleppend. Keine angenehme Situation für den neuen Intendanten Holk Freytag. Erst recht nicht, nachdem eine örtliche Zeitung von einem zu erwartenden Defizit in Höhe von einer Million Euro geunkt hatte, das die mit einem Rekordetat von über fünf Millionen ausgestatteten Spiele 2010 einfahren würden.  Der Chef steht unter Erfolgszwang und Erwartungsdruck. Die entbrannte Diskussion um Geld, Miese und eventuell ausbleibende Besucher droht die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Qualität der aktuellen Inszenierungen zu überlagern. Und das ist schade. Uns soll an dieser Stelle (natürlich) nur die Musical-Sparte interessieren. Und da haben die Osthessen schon einiges zu bieten. Möglicherweise leiden die aber  immer noch an den Spätfolgen einer fatalen Fehleinschätzung von Freytags Vorgängerin Elke Hesse. Die Österreicherin hatte gleich im ersten Amtsjahr 2006 das Thema Musical gänzlich vom Spielplan gestrichen, weil sich den kulturellen Stellenwert dieser Kunstform für zu dürftig erachtete. Die Quittung für diese Überheblichkeit  bekamen die Wienerin und ihre Arbeitgeber prompt: Die Besucherzahlen brachen dramatisch ein. Im Jahr darauf dann mit „Les Miserablés“ der Rückwärtssalto. Seitdem sind die Hersfelder  emsig bemüht, verlorenes Terrain wieder zurück zu erobern. Sie haben, wie andere Bühnen vor ihnen, erkannt,  dass die Musiktheater-Sparte der Treibstoff ist, der Festspiele wie die ihren am Laufen hält und  nun mal die (meisten) Leute anzieht.

 

Den folgenschweren strategischen Fauxpas hatte Hesse dann im vergangenen Jahr wieder (teilweise) ausgemerzt. Sie verabschiedete sich mit einer mitreißenden „West Side Story“ vom  Intendantinnen-Stuhl.  Auf Grund des großen Erfolgs steht der unsterbliche Bernstein-Klassiker auch in diesem Jahr wieder auf Programm – als „Zweitstück“. Musical-isch scheinen die Hessen unter der neuen Festspiel-Führung sogar aufrüsten zu wollen, denn sie warten sogar mit einer weitere Inszenierung aus diesem Genre auf: „Carmen – ein deutsches Musical“. Und dabei handelt es sich obendrein auch noch um eine veritable Welt-Uraufführung.  Hut ab!

Das birgt natürlich durchaus gewisse Risiken, beinhaltet und offenbart aber auch Chancen. Bei einer Neu-Inszenierung viel gespielter Klassiker weiß das Zielgruppen-Publikum wenigstens in etwa, was da (inhaltlich) auf es zu kommt, bei  einem gänzlich neuen Stück kauft es, wenn überhaupt,  die Ticket-Katze im Sack.  Bis es sich herum gesprochen hat, dass die Sache wirklich einen Besuch lohnt, kann es zu spät sein, weil dann die Saison vielleicht schon gelaufen ist. Vor diesem Dilemma stehen die Verantwortlichen bei „Carmen“. 

Um es vorweg zu nehmen: Diese Produktion hat durchaus etwas, sozusagen das gewisse! Und deshalb wäre es ihr pauschal zu  gönnen, dass sie ihr Publikum findet. Mag ja durchaus sein, dass Sujet und Partitur nicht jedermanns Geschmack sind und sich insbesondere die Jüngeren nicht (gleich) damit identifizieren können. Aber als Gesamtpaket ist die Inszenierung von Nico Rabenald  rund und stimmig. Kurzweilig ist sie allemal, irgendwie  auch (erfrischend) anders.  Man/frau muss es auf sich wirken lassen.

 

Verrucht, durchtrieben und geheimnisvoll

Apropos Frau:  Eine solche, aber nach gängiger Lesart nicht respektable, ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Eben „Carmen“ . Pate für diese Figur stand die Namensvetterin aus der gleichnamigen 1875 uraufgeführten Bizet-Oper, die sich thematisch auf die ebenfalls gleichnamige Novelle von Prosper Mérimée stützt. Die Basiselemente der  Story werden übernommen, ja sogar musikalische Fragmente des Originals verwurstelt. Aber ansonsten haben Autorin Judith Kuckart, die auch die Songtexte verfasste, und Komponist Wolfgang Schmidtke etwas Neues, völlig Eigenständiges geschaffen und in einen ganz anderen historischen und geografischen Kontext gestellt. Die Handlung spielt nicht im Spanien des frühen 19. Jahrhunderts, sondern in einer nicht näher bezeichneten Deutschen Großstadt zwischen Kriegsende und Währungsreform. Mérimées  (Don) José heißt hier schlicht Jo(hannes). Er ist auch kein Soldat, sondern ein angehender Beamter aus gutem Hause.  Aus seiner Verlobten Micaela wird in der  modernen Fassung „Marie“.  Nur „Carmen“ die bleibt „Carmen“. Verrucht, durchtrieben, lasziv, lebenshungrig, multi-lover-fähig. Willkommen in der Halbwelt. Herkunft („Ich komme aus der Hölle“): Mysteriös. Ruf: Zweifelhaft. Hure, Wahrsagerin und noch ein paar weitere halbseidene  Jobs.

 

Anna Montanaro in Höchstform  

Nach Velma Kelly und der Nitribitt („Das Mädchen Rosemarie“) Lucy Harris und Sally Bowles, wer könnte diesem facettenreichern, ambivalenten Charakter besser gerecht werden als  Anna Montanaro? „Für mich gibt es nichts Langweiligeres, als brave Mädchen zu spielen“, sagt die 37-jährige, die sich nicht nur auf der Bühne, sondern neuerdings auch privat gefordert sieht. Im Februar kam Töchterchen Marlene, ihr erstes Kind, zur Welt.  Und die frühere Kunstturnerin enttäuscht  in Bad Hersfeld, wo ihre „Maria Magdalena“ („Jesus Christ Superstar“) noch in guter Erinnerung ist, erwartungsgemäß nicht. „La Montanaro“ läuft nach der Babypause zu Höchstform auf. Sie ist das Zentralgestirn, um das die Planeten kreisen.

Die Story im Short-Ticker-Stil: Carmen verführt den braven Jo und spannt ihm dessen biederer Verlobten Marie aus. Doch die Liaison steht unter keinem guten Stern. Sie endet „im verflixten siebten Jahr“ tragisch und tödlich, genau, wie es die Karten vorausgesagt haben. Jo, der von dem Geld lebt, das seine große Liebe mit den Männern verdient, ersticht Carmen, die seiner längst überdrüssig ist, aus Eifersucht. Punkt. Nicht unbedingt ein Happy-End.

 

Die Fettaugen auf der Suppe

Angesiedelt ist die Geschichte im Milieu der  „Displaced Persons“. Das waren oft jüdische, zumeist durch KZ-Internierung traumatisierte Heimat- und Staatenlose aus dem Osten, die als menschliches Strandgut an den Ufern des Westens angespült wurden und sich, von den Einheimischen verachtet,  als Ausgestoßene auf dem Schwarzmarkt zu behaupten suchten, bevor der amerikanische Traum und das Wirtschaftswunder die Akzente verschoben und auch von ihnen eine neue Ausrichtung forderten. Und wir begegnen Opportunisten wie Dr. Stankowski (stark: Martin Bringmann), die, egal was passiert, wie Fettaugen immer oben auf der Suppe schwimmen und mindestens ebenso viel Vergangenheitsdreck am Stecken haben wie die Honoratioren der Stadt, die Martin-Christoph Rönnebeck, Daniel Dimitrow, Wolf Bader und Oliver Heim köstlich lebendig werden lassen.  Die honorigen Herren verkaufen uns Profitgier als Tugend und Bigotterie als Anstand.

 

Braves Fräuleinwunder

Insofern ist „Carmen“ auch zum guten Teil ein politisches Stück mit  einem unverkennbar  gesellschafts- und sozialkritischen Unterton. Erzählt wird es in der Rückschau, und zwar  von Marie, jenem Mädel, das so schmählich von Jo sitzen gelassen worden war, sich daraufhin ins Single-Schneckenhaus zurückzog und ihr freudloses Dasein weiterhin als alternde Junger fristen sollte. Die  Erzählerin (Franziska Weber) freilich ist eine andere, als die handelnde Marie, die in Bad Hersfeld  von Kristin Hölck wie ein deutsches Fräuleinwunder verkörpert wird, einer Künstlerin, die durch ihr facettenreichen Spiel und ihre authentische Ausdruckskraft  punktet und zu den herausragenden Akteuren zählt. 

 

Überzeugende Cast

Überhaupt zeugt die Cast, die da auf der weiträumigen Bühne der Stiftsruine agiert, von einer Personalauswahl mit großem Gespür. Das mit Christian Alexander  Müller, dem die Rolle des Jo wie auf den Leib geschneidert scheint und der ja parallel auch (wieder) den Tony in der West Side Story gibt, weiter und hört bei Paulchen Kribbe „Karlemann“, dem Anführer der Displaced  Persons, noch lange nicht auf.  Und erst Maaike Schuurmans. Auch sie in dieser Saison  „nebenbei“ wieder als „Anita“ in der WWS dabei.  „Vokal souverän und darstellerisch markant“ urteilte 2008 bereits  die Festspiel-Jury und verlieh der Niederländerin völlig zu Recht und verdientermaßen den Hersfeld-Preis. Der Laudatio von vor zwei Jahren ist nichts hinzu zu fügen.  In „Carmen“ verkörpert Maaike  „Karlemanns“ geschäftstüchtige Freundin „Katie“, die schon immer genau wusste, was sie wollte und im Krieg Schlimmes durchgemacht hat. Sie erfüllt sich mit der Eröffnung einer eigenen  Bar einen Traum und erkämpft sich einen Platz in der deutschen Nachkriegs-Gesellschaft. Ex-Boxer „Karlemann“, der ehemalige Buchenwald-Häftling, der eingangs noch von einer klassenlosen Gesellschaft geträumt hatte, wechselt nach und nach die Überzeugungen. Wohin bei ihm dann scheließlich der ideologische Hase läuft, belegrt die von ihm textlich umgedichtete Nationallhymne: „Profit, Profit über alles …“

Mit Gaines Hall haben die Hersfelder ein weiteres musical-isches  Schwergewicht im Aufgebot. Das Multi-Talent aus Alabama zeichnet gemeinsam mit Wolf Bader auch für die einfallsreiche Choreografie verantwortlich und steht als Johnnie Ray, der US-Popstar der frühen 50er, auf der Bühne. 

 

Kleine Melodie-Perlen, aber keine Ohrwürmer

Die Partitur von Wolfgang Schmidtke ist gefällig und differenziert. Sie orientiert sich an der Unterhaltungsmusik der frühen Nachkriegszeit, der deutschen wie der US-amerikanischen,  und mixt Schlagerelemente mit Jazz. Der ganz großen Ohrwurm oder Showstopper ist nicht dabei,  aber es funktioniert, zumal stellenweise doch die ein oder andere  Melodieperle durchblitzt, was vor allem in den stillen, leiseren Momenten der Inszenierung die Wirkung verstärkt. Bei Christoph Wohlleben und seinem großen Orchester sind die Noten in den besten Händen.

 

Auf jeden Fall sehenswert

Auf aufwändige Bühnenaufbauten und –bilder verzichten die osthessischen Theatermacher aus gutem Grund.  Sie setzen auf den atmosphärischen Zauber ihrer prächtigen Kirchenruine und lassen es mit ein paar spärlichen Möblierungselementen und –fragmenten bewenden. Und das ist auch gut so. Einziges Zugeständnis an die Möglichkeiten moderner Bühnentechnik: Ein Hubpodium, mittels dessen in der Bühnenmitte je nach Bedarf eine überdimensioniertes D-Mark-Stück wie die Sonne aufgeht, oder  eben „Carmen“ und ihre „Go-Go-Girls“ aus dem Boden wachsen. Ein dezentes, stimmiges Lichtdesign (Henrik Forberg) und die stilsicheren Kostüme aus der Ideenwerkstatt von Karin Alberti runden den positiven Gesamteindruck ab.

„Carmen“ mag vielleicht nicht unbedingt das Zeug zum „Lon-Run“ haben,  aber der konzeptionelle Ansatz stimmt. Und als Saisonstück, zumal  als Uraufführung, ist diese Inszenierung allemal ( Festspiel)  tauglich.  Der Besuch in Hersfeld lohnt in diesem Jahr (wieder).

Nach der Premiere am 16. Juni wird das Stück bis zum 3. August (die Voraufführung mitgezählt)  insgesamt 26 mal aufgeführt. Die Wiederaufnahme der West Side Story erfolgt am 17. Juli. 12 Shows davon sind bis zum 7. August geplant.  Eine Fahrt nach Hersfeld lohnt in  diesem Jahr also wieder.

JÜRGEN HEIMANN