Hauen und Stechen am Deutschen Sommer-Broadway: D’Artagnan und Co. auf dem Kriegspfad

Mit den „3 Musketieren“ legen die Tecklenburger ihre bislang stärkste Produktion vor

 

Sieben musicalische Schwergewichte, die in Tecklenburg ganz unterschiedliche Ziele und Interessen verfolgen.
V.l.:  Rochefort (Paul Stampehl),  Mylady de Winter (Femke Soetenga),  Kardinal  Richelieu (Yngve Gasoy-Romdal),
D’Aartagnan (Thomas Hohler), Athos (Marc Clear),  Porthos (Enrico de Pieri) und Aramis (Jens Janke). Foto: Heiner Schäffer

 

Das große Hauen und Stechen hat begonnen:  Tecklenburg zieht blank! Wo im vergangenen Jahr noch der ägyptische Feldherr Radames  mit der schönen Nubier-Perle Aida herum getechtelt und -gemechtelt und in der Saison zuvor der Namenspatron der Mozart-Kugeln gegen seinen Erzfürstbischof aufgemuckt hatte, klirren  in diesem Sommer die Degen. Die „3 Musketiere“ (eigentlich sind es ja derer vier) sind auf dem Kriegspfad. Und das ist eine hieb- und stichfeste Sache – in jeder Hinsicht. Deutschlands größtes Musical-Freilichttheater hat mit dieser neuen Produktion wieder  ein großartiges Unterhaltungspaket geschnürt, das auszupacken allen Beteiligten riesigen  Spaß macht, jenen diesseits als auch jenen jenseits des Bühnengrabens. Es ist wie eine Wundertüte, aus der die Verantwortlichen im Laufe des Abends so manch prickelnde Überraschung hervorzaubern.

Den Haus- und Bühnenherren ist eine spektakuläre, und auf allen Ebenen ausgereifte und stimmige Inszenierung geglückt, die, so behaupteten nicht wenige „3M“-erfahrene Gäste nach dem letzten (gedachten) Premieren-Vorhang,  das Original, die beiden deutschen Vorgängerinszenierungen von Berlin und Stuttgart,  deutlich toppt.  Eine selbstverständlich auch auf subjektiven Eindrücken basierende Einschätzung, die zu verifizieren sich am besten jeder selbst auf den Weg ins Münsterland macht. Fakt ist: Farbenfroher, stimmgewaltiger, durch-choreografierter, spielfreudiger und aufgeräumter hat man die Akteure am deutschen Sommerbroadway nie erlebt, und das will nach den fulminanten Produktionen der Vorjahre schon etwas heißen. Mehr als fünfzehn Minuten lang hatte schon das  Premieren-Publikum die Beteiligten mit stehenden Ovationen gefeiert. Eine Stimmung und eine Begeisterung wie in einem Fußballstadion. Der Jubel war grenzenlos.  Und daran dürfte sich auch bis zum Saisonende nichts ändern.

 

Tempo, Action, Witz und Farbenpracht

Das Stück läuft richtig rund, bietet viel, viel Tempo, Action, Dialog-Witz und Farbenpracht. Möglicherweise die beste und ausgereifteste Produktion, die bisher hier zu sehen und zu erleben war. Und dabei zeigt sich wieder einmal,  dass es dem Ergebnis durchaus zum Vorteil gereichen kann, die Verantwortung für ein derart ehrgeiziges Unterfangen nicht immer und unbedingt  einem alten Regie-Hasen zu übertragen, sondern auf die innovative, unverbrauchte Kraft eines Neu- bzw. Seiteneinsteigers zu vertrauen. Marc Clear ist ein solcher – und auch wieder nicht. Als (eigentlich aus dem Opernfach kommender) Musical-Darsteller spielt  der in Deutschland geboren Brite mit dänischer Wahlheimat seit Jahren in der ersten Liga. Mit der künstlerischen Gesamtleitung eines Projekts dieser Größenordnung betritt er aber Neuland – und rechtfertigt das in ihn gesetzte Vertrauen auf der ganzen Linie.

 

Volle Punktzahl für Marc Clear

Clear liefert einen furiosen (Doppel)-Job.  Doppelt auch deshalb, weil er  „nebenbei“ noch den „Engel aus Kristall“ besingt. Als „Athos“ ist der Mann Musketier-erprobt und gehörte anno 2005 als solcher bereits zur deutschen Premierenbesetzung in Berlin. Wie er hatten in Folge auch seine drei Kumpels D’Artagnan (Thomas Hohler), Porthos (Enrico de Pieri) und Aramis (Jens Janke) ihren Grundwehrdienst bei des Königs Garde in Stuttgart abgeleistet. Ein eingespieltes, kampferfahrenes Quartett also. Trotzdem wollte Intendant Radulf Beuleke, was die Kampfkraft von Freund und Feind anbelangt, auf Nummer sicher gehen.  Mit Malcom Randson von der Royal Shakespeare Company hatten die Tecklenburger einen namhaften Fighter-Coach verpflichtet, der dem Ensemble, soweit es rollenbedingt erforderlich war, den nötigen Feinschliff in der Handhabung der Hieb- und Stichwaffen beibrachte. Eine Investition, die sich gelohnt hat. Dabei heraus kamen rasante, ausgeklügelte und packend visualisierte Fechtszenen und Zweikämpfe, wie sie selbst auf der Kinoleinwand kaum realistischer und temporeicher zu sehen sind. Die Umsetzung  einer solch anspruchsvollen und ambitionierten Kampf-Choreografie erfordert von den Akteuren höchste Konzentration, Kondition, Körperbeherrschung und Koordination. 

Die Bühnenadaption des auf dem frühen und gleichnamigen Politthriller von Alexandre Dumas basierenden Stoffs beinhaltet alles, was ein (modernes) Musical ausmachen sollte: Tempo und Witz, große Gefühle, kantige Charaktere, Intrigen, Romantik und Ohrwürmer en masse. Apropos „Masse“. Das vor allem ist ein Pfund, mit dem die Münsterländer Theatermacher wuchern können und das sie so unverwechselbar macht. Dank auch ihrer Organisationsstruktur sind sie in der glücklichen Lage, mit einem Personalfundus an eingespielten Chorkräften und Statisten aufzuwarten, von dessen Ausmaßen andere nur träumen mögen. Je nach Situation tummeln sich dann schon einmal bis zu 150 Menschen auf der weiträumigen Bühne, und dadurch entstehen Bilder, die sich einbrennen und die ob ihrer Intensität für Gänsehaut sorgen. Dass dieser Trumpf auch bei „3M“ ausgereizt werden würde,  mehr vielleicht noch als bei den vorangegangenen Inszenierungen, war von Anfang an zu erwarten.

 

Quietsch-fideles Quartett

Aber auch beim Solisten-Casting haben die Tecklenburger diesmal wieder geklotzt. Da steht erneut die erste Garnitur der deutschen Musical-Szene im Rampenlicht. Mit Thomas Hohler, Enrico de Pieri, Jens Janke und Marc Clear sind die Schlüsselrollen der königlichen Musketier-Garde  identisch mit denen der Stuttgarter Inszenierung besetzt. Das passt! Hohler gibt, wie schon im Schwabenländle, einen überzeugenden D’Artagnan mit jugendlichem Überschwang und naivem Selbstbewusstsein.  Auch seinen drei Waffenbrüdern  gelingt es mühelos, die charakteristischen und teils schrullig-komischen Eigenarten ihrer Charaktere auszuleben.  Ein quietsch-fideles Quartett, das pointiert, spaßig  und souverän agiert.

 

Die ist die Stunde... für den Kardinal

Yngve Gasoy-Romdal hat ja spätestens nach seinem furiosen Tecklenburg-Debüt als „Che“ im vergangenen Jahr bei Publikum und Leading-Team einen dicken Stein im Brett. Und deshalb ist er 2010 erneut mit von der Partie, diesmal als machtgieriger Kardinal Riechelieu, dem der norwegische Top-Star einen ebenso würdigen wie verschlagenen Anstrich verleiht. Stimmlich ist  der skandinavische Strahlemann ja  sowieso jenseits aller Kritik. Ungemein eindringlich sein von Zweifeln geplagtes „Ich bin nicht aus Stein“ – ja, ja , auch der zwielichtige Kardinal zeigt mitunter einen rudimentären Hauch von Regung, in dem man mit etwas gutem Willen sogar so etwas wie schlechtes Gewissen herauslesen könnte. Fackeln tragend Mönche mit tief in die Gesichter gezogenen Kapuzen, die sich in Folge als Dämonen entpuppen,  verleihen der Albtraumsequenz etwas Surreales.   Whoww, was für eine Atmosphäre!

Der zweite, fiese Badboy der Geschichte ist Rochefort , der einäugige und seinem intriganten Chef treu ergebene Hauptmann der Kardinalsgarde. Paul Stampehl verleiht dieser Figur Kraft und Konturen. Ein hinterlistiger Bösewicht wie aus dem Bilderbuch. Riechelieu kann ja seine Ränke nur deshalb so erfolgreich spinnen, weil der schwache und am Regieren eher desinteressierte König Ludwig XIII. (Lars Kempter), der dessen Ränkespiel nicht durchschaut,  ihn gewähren lässt.

 

Bärenstarke Damen

 Als „Lady de Winter“ in die Fußstapfen einer Pia Douwes zu treten, ist nicht einfach,  doch Femke  Soetenga ist hier ganz sicher die richtige Frau am richtigen Platz. Ihr gelingt es, die ambivalenten Züge dieser gezeichneten und  innerlich zerrissenen, im Spannungsfeld zwischen Macht, Ehre, Rache und Einfluss stehenden „Dame“  sauber heraus zu arbeiten und liefert  schauspielerisch wie vokal eine überragenden Job ab.  Was im Übrigen auch für D’Artagnans Girlfriend  gilt. Das Mädel ist eine Wucht! Mit Lisa Antoni ist der Part der Constance und Königinnen-Zofe glücklich und mit Gespür besetzt.  Das gilt eigentlich ausnahmslos auch  für alle anderen weiblichen Rollen. Zu erwähnen wären hier vor allem noch Wietske van Tongeren (Königin Anna) und die unvergleichliche Anne Welte als Cabarét-Sängerin, Hure und D’Artagnans Mutter in Personalunion. Mit Stefan Poslovski haben die Tecklenburger noch eine weitere Vielzweckwaffe auf ihrer Besetzungsliste.  Der Karlsruher ist ein Conferencier par exellence und dient nebenbei als leicht angewärmter Butler James dem Herzog von Buckingham (Harald Tauber), der seine Liebe zu Königin Anna auch nach  so vielen Jahren nicht verleugnen kann.

 

Eine Orgie aus Stoffen und Farbe

 Die musikalische Umsetzung ist bei Klaus Hillebrecht wieder in bewährten und guten Händen. Mit Vehemenz und viel Drive treibt der Wahl-Mallorquiner sein großes Orchester durch die Bolland-Partitur, dass es eine Freude ist. Keine Experimente auch bei der Kostümausstattung, für die wiederum Karin Alberti verantwortlich zeichnet. Sie schöpft richtig aus dem Vollen und schwelgt in Rüschen, Samt und Seide. Dabei heraus kam eine richtiggehende textile Orgie.

Das einfache, aber gerade deshalb so ansprechende und zweckdienliche Bühnenbild trägt diesmal die Handschrift von Susanna Buller. Mehr wäre hier weniger gewesen. Die baulichen und naturgegebenen  Konstanten der mittelalterlichen Burgreste sind Kulisse genug.  Naturgemäß sind die Möglichkeiten einer Freilichtbühne hinsichtlich high-technischer Effekte ja ziemlich begrenzt – was kein Manko ist. So etwas gleicht man – vor allem in Tecklenburg , mit Fantasie und Kreativität aus. Sehr schön deutlich wurde das  bei der Schiffsüberfahrt D’Artagnas über den Kanal nach England. Da formten sich die beweglichen Seitenteile einer hölzernen Nebenbühne kurzerhand zu einem Schiffsrumpf. Auf Deck und im Inneren  kämpften die Seeleute gegen die Wellen und um ihr Leben. Das ergab ein spannendes, atmosphärisch dichtes und stimmungsvolles Bild, verstärkt und voran getrieben durch Lichtblitze, streuende, wabernde  Scheinwerfer-Kaskaden und krachende Soundeinspielungen.  Ein ausgeklügeltes Szenario, das nichts Behelfsmäßiges an sich hatte.

 

Ins offene Messer gerannt

Genauso spannend war die Frage, wie die Regie den Selbstmord von Mylady de Winter lösen würde. Im Original springt die Dame von einem Turm, in Tecklenburg stürzt sie sich in das Messer ihres Ex-Lovers Athos, sich dabei mit diesem zu einem letzten Kuss vereinend. Überhaupt hat der Tod im Münsterland ganz andere Gesichter als in Berlin oder Stuttgart. Die entführte und im Karmeliterkloster in Luxembourg gefangene Constance stirbt nicht durch Gift, das ihr die als Nonne verkleidete Mylady ins Getränk mixt, sondern wird von dieser mit einer Halskette stranguliert. Und Rochefort, den D’Artagnan in einem letzten großen Duell besiegt, wird von diesem nicht verschont, sondern muss dran glauben und  stirbt durch dessen Klinge. Der  darauf folgende Szenenbeifall belegt, wie glaubhaft und überzeugend Paul Stamphel  Riechelieus Hauptmann-Schurken gespielt hatte.

 

Nix wie hin!

Doris Marlis, die fast alle großen Tecklenburg-Produktionen der vergangenen Jahre choreografisch begleitet hat,  hat den Akteuren auch diesmal wieder das Bewegungsvokabular buchstabiert und dabei alle Register gezogen. Die Tanzszenen sind eine Wucht! Und dann natürlich immer wieder diese großen, prächtigen und eindrucksvollen Chöre, für deren Einstudierung Florian Seibel verantwortlich zeichnete und die längst zum Markenzeichen und Trumpf der Tecklenburger Bühne geworden sind. Die Freilichtspiele sind mit diesem Stück der Konkurrenz, sofern davon die Rede sein kann, wieder ein ganzes Stück enteilt. Unbedingt anschauen!! Ein Fest für alle Freunde des Musicals,. Und solche, die es werden wollen – und danach auch sind! JÜRGEN HEIMANN

 

 

Einer für alle, alle für einen: Sie zeigen dem intriganten Kardinal und seinen Schergen, wo der Hammer (und der Degen) hängt:
Die 3 Musketiere (v.l.)  Athos (Marc Clear), Portos (Enrico Poieri)  und Aramis (ganz rechts - Jens Janke)
mit ihrem Junior-Partner D’Artagnan (Thomas Hohler).  Foto: Heiner Schäffer

 

Showdown:  D’Aartagnan (rechts) kreuzt mit des Kardinals durchtriebenem Hauptmann Rochefort die Klingen
– und geht als Sieger aus diesem tödlichen Duell hervor. Richelieu (links), Königin Anna (Wietske van Tongeren)
und viele Schaulustige verfolgen gebannt den Kampf.  Foto: Heiner Schäffer

 

Da kommt Leben in die Bude und auf die Bühne:  Dank ihres immensen Personalfundus können die Tecklenburger
immer wieder mit fulminanten Massenszenen punkten. Und dieses Plus spielen sie bei den 3 Musketieren weidlich aus.
Foto: Heiner Schäffer

 

 

Mama und Papa lassen ihren Filius D’Aartagnan nur ungern in die ungewisse Fremde ziehen.
Der Mann, der sonst in Tecklenburgim Hintergrund die Fäden zieht, schlüpft für wenige Minuten in die Rolle des  Vaters:
Intendant Radulf Beuleke. Die Frau an seiner Seite, Anne Welte, verkörpert  in dieser Inszenierung  noch zwei weitere Charaktere.
Foto: Heiner Schäffer

 

Der Herr und sein Wadenbeißer: Yngve Gasoy-Romdal als listiger Kardinal Richelieu und Paul Stampehl
als dessen Garde-Kommandant Rochefort. Die beiden geben zwei grandiose Fieslinge ab. Foto: Heiner Schäffer

 

Da bleibt der armen Constance (Lisa Antoni) doch glatt die Luft weg.  Mylady de Winter ( Femke Soetenga)
erdrosselt das arme Mädel hinterrücks mit einer Halskette. Foto: Heiner Schäffer

  

 

Porthos (Enrico de Pieri) nimmt sich den kecken  D’Aartganan (Thomas Hohler) zur Brust und verabredet sich mit ihm  zum Duell.
Foto: Heiner Schäffer

 

Auch Stefan Poslovski liefert als „Anchorman“ (Conferencier) in Tecklenburg einen überzeugenden Job ab.
Foto: Heiner Schäffer

 

  

Die Lady, der Schurke und die die Halbweltdame: Femke Soetenga, Paul Stampehl und Anne Welte.
Fotos: Heiner Schäffer

 

 

Bestürzt kniet Athos neben seiner toten Ex-Liebe, die sich in sein Messer gestürzt hatte.
Aber im Grunde genommen hat Mylady dieses Ende auch verdient, oder?
Marc Clear führt bei bislang eindrucksvollsten Tecklenburger Inszenierung auch Regie
und kann dabei aus seinen langjährigen Musketier-Erfahrungen schöpfen. Foto: Heiner Schäffer